Mara Schindler
Tiefseetaucherin

GOSSIP BLUES


you won't tell me
WHO I AM MY LIFE
is not your game

1. Anliegen

Es war mein Anliegen, eine lyrische Entsprechung zu der These zu erarbeiten, die besagt, dass die Unterschiede zwischen den Menschen lediglich Projektionen des Egos sind, während wir uns auf der Ebene des Erlebens unterschiedslos bewegen. Dies zeigt sich im Schmerz ebenso wie in der Freude, im Schockzustand des Gepeinigtwerdens, in der Wut, die uns nach Luft ringen lässt, um Worte zu finden und damit aus der Ohnmacht zurück in eine Handlungsfähigkeit.
Auch möchte ich jenes verhängnisvolle Band untersuchen, das Opfer und Täter aneinander bindet, wenn Angst vor Verlust zur Gewalt verführt und das menschliche Handeln dominiert wird von der Leugnung der eigenen Verantwortlichkeit.
Das obsessive Drängen des Täters, zu besitzen, zu kontrollieren, das auch vor der Zerstörung des Opfers nicht zurückschreckt, ergibt sich aus der Einfallslosigkeit und narzisstischen Selbstgerechtigkeit des seinem Handeln zugrundeliegenden Denkmusters: Menschen hierarchisierend wie Objekte zu betrachten, über dessen Wert der Täter entscheidet. (Als gäb es die Harmonie des Gebens und Nehmens nicht, jenen von Achtsamkeit geprägten Austausch, der ein gesundes zwischenmenschliches Miteinander auszeichnet.)
Bietet das Opfer nun in einem ungeheuren Kraftakt sein ganzes Spektrum an Widerstand auf, spiegelt es den Täter und sich selbst, erkennt sich als mündig, verweigert die Opferrolle, in die es gezwängt werden soll, und entlarvt den Täter, der die Vielfältigkeit seines Menschseins auf die Rolle des Gewalttäters reduziert, als unmündig. Die Konsequenz einer solchen Boykottierung mag seltsam anmuten, verweist sie doch auf eine doppelte Verantwortlichkeit des Opfers, das sich in der Verweigerung seiner Negation einen neuen Raum erschließt. (Leugnet der Täter die Verantwortung, die er als Mensch sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber hat, ist das Opfer aufgerufen, die Rolle abzulehnen, die ihm der zum bloßen Objekt gewordene Täter aufzwingen will.)

Indem das Opfer sich darauf beruft, Subjekt zu sein, verweist es auf seine Handlungsfähigkeit und übernimmt Verantwortung: für sich selbst, aber auch für den Täter, ist es doch durch die erlittene Gewalt an ihn gebunden. Dieses Band aber soll als Aufgabe betrachtet werden, die gelöst werden kann, und nicht als Diktat, dem zu gehorchen die einzige Antwort ist. Die Sprache weist den Weg. In ihrem Klang und Rhythmus, in ihrer bildlichen Kraft erkennt sich das Individuum, das sich - sprechend - seines Rechts auf Unversehrtheit entsinnt und dieses Recht besingt, was eine Anklage des Täters impliziert, die wirksam ist, solange sie ausgesprochen wird. Auch wenn keiner zuhört. Der Akt des Singens ist es, der das Leben preist. Selbst unter widrigen Umständen.



beloved menschenkind*

sie stahlen der frau ihre milch.
während der schullehrer zusah.
und alles niederschrieb.
als sie ihr kind schließlich fand.
als es trinken wollte, ihr kind.
da erschlug sie es.


*Nach dem Roman von Toni Morrison.



2. Vorgehen und Erkenntnisgewinn

Rückblickend fällt auf, dass die aus dem erlebten Machtmissbrauch entwickelten Kräfte sowohl weiblicher wie männlicher Natur zu sein scheinen. Gedicht- und Miniaturentitel wie undine undone, siren's fairy tale, von den drei frauen, glücksmarie, susa sprach und elektra alive deuten ein weibliches Erleben an. Titel wie JUST FOR FUN, SCHULD U SÜHNE, SEELENPORNO, MIVANS SEE, TAG UND JAHR und CAN'T YOU SEE verweisen auf eine männliche Perspektive. Die Verschriftlichung von aus männlicher Sicht erlebter Wut und Ohnmacht geht häufig mit einer GROßSCHREIBUNG einher und scheut auch Vulgärsprache nicht, um die vom Angreifer ausgegangene Gewalt verbal zu spiegeln. Weibliches Erleben hingegen tritt mitunter kleinschreibend auf, erinnert an die verlorene Unversehrtheit, benennt den Verlust beim Namen und scheint gleichzeitig eine Heilung herbeizubeschwören, mahnt immer wieder an die Dringlichkeit, sich vom Täter, dem Erlebten, abzugrenzen. Dies ist kein Trösten und Verharmlosen, sondern ein Grenzeziehen, die erkannte Notwendigkeit einer Abgrenzung, um ein Weitergehen zu fokussieren, so im Gedicht 



blackstairs

also war das nur ein anlauf,
um ins weiß zu springen,
zahlen sollen wieder zahlen sein
und tiere tiere sein dürfen,

nichts soll mehr zerpflückt werden.
in diesem meinem land wirst du
geborgen sein. wirst nicht mehr
schreien müssen. atme


 

Wie über Missbrauch schreiben?
Diese Frage begleitete den gesamten Entstehungsprozess, dem 115 Gedichte und Miniaturen entsprungen sind. Mit Hilfe der Figuren des syrischen Jungen Mivan und der deutschen Jugendlichen Paula, deren Begegnung Thema meines Hörcomics Mivan an Paula (SOS) ist, werden Ohnmacht und Wut als Konsequenzen von Missbrauch untersucht, die jeden Menschen lähmen können. Unabhängig von unserer Herkunft, unserem Geschlecht, gräbt sich erlebtes Unrecht ein in unser Denken, formt unser Verhalten auf eine destruktive Weise, wenn wir es nicht schaffen, dem etwas entgegenzusetzen.
Ist dies eine Möglichkeit: sich festzuhalten am Wort, bis man die eigene Stimme wiederfindet. Sich festzuhalten an der Form eines Gedichts, das die erlittene Demütigung in einen kreativen Raum zwingt und ihre Übermacht bricht.



Für Marie T. Martin

schlägt sie die augen auf
ist das dunkel da u das licht
spielt der milan mit dem wind
andere nennen das fliegen



 
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Die Arbeit an diesem Projekt wurde unterstützt von der VG WORT im Rahmen des NEUSTART KULTUR-Stipendienprogramms 2021.


Mara Schindler im Frühjahr 2022