Mara Schindler
Autorin

Im Spiegel


Was darf Kunst?
Ein Essay                                                                                                                               

Bibliotheken sind Orte mit Magie. Es gibt Zeiten, da ist diese Magie mit sich selbst beschäftigt und lässt sich nicht blicken. Und es gibt Zeiten, da wendet sie sich nach außen und wartet auf hungrige Seelen. Und wer hungrig ist, der sucht. Und wer sucht, der findet, im besten Fall Antworten.
Ich habe schon viel in Bibliotheken gefunden, wenn die Magie es gut mit mir meinte. Freunde fürs Leben waren darunter. Manche muss man lesen, manche muss man hören, und manche schaut man sich an. Kunst findet viele Wege, um sich mitzuteilen und, über Zeiten und Räume hinweg, Brücken zu schlagen.

Ein neuer Freund begleitet mich seit einigen Wochen, es ist der Roman "Anlass zu lieben" (Occasion for Loving, 1960) der südafrikanischen Schriftstellerin Nadine Gordimer. Seine Lektüre erfüllt mich mit Aufregung. Denn die Autorin vollbringt einen bewundernswerten Kraftakt: nämlich dem Kern dessen nachzuspüren, was wahrhaftig ist inmitten einer Welt, die einem Pulverfass gleicht, derart von Gegensätzen geprägt, deren Spannungen sich ständig entladen und (im Roman) der als sicher empfundenen Etabliertheit eines weißen Akademikerpaares im Johannesburg der Apartheid auf bedrohliche Weise nahekommen. Eines Paares, das seine Würde mit dem Anspruch gleichsetzt, selbstbestimmt und frei von Ressentiments zu denken und zu leben, so weit das zu jener Zeit in Südafrika eben möglich war, wo die seit Mitte des 19. Jahrhunderts proklamierte Rassentrennung die Menschen in Untergebene und Könige unterteilte und der schwarze Boy selbst im Haushalt eines freigeistigen Weißen immer ein Ausgeschlossener bleiben würde, so sehr man in brandygeschwängerten Diskussionen auch die Gleichheit aller Menschen beteuerte und demonstrativ schwarze Hände schüttelte. In den Köpfen a l l e r Beteiligter aber sah es anders aus, setzte sich eine Demütigung fort, die seit Generationen zu ertragen war und die der schwarzhäutige Mensch - wollte er überleben - ertrug, indem er sich anpasste. Diese Anpassung und ihre verhaltenspsychologischen Begleiterscheinungen werden im Roman immer wieder thematisiert und untersucht. Der im Käfig aufgezogene Vogel weiß mit der plötzlich gewährten Freiheit nichts anzufangen, man hat ihm gar die Möglichkeit genommen, einen Vergleich zu haben, indem man ihm jedes Recht auf Mitsprache und Verantwortung entzog.
 
"Knechtschaft, Falschheit und Terror" heißt es in einem der dem Roman vorangestellten Mottos von Albert Camus, "diese drei Übel sind die Ursache für das Schweigen zwischen Menschen, machen sie einander unverständlich und verhindern, dass sie sich in dem einzigen Wert wiederfinden, der sie vor dem Nihilismus bewahren kann, der langen Zusammengehörigkeit von Menschen, die mit ihrem Schicksal kämpfen."

Es ist der Egozentrismus derjenigen, die die Macht haben und mit der materiellen Dominanz auch eine Dominanz über das Innere erzwingen, über Gedanken und Gefühle. Dieser Egozentrismus ist total, wenn er legitimiert wird. Und eine Legitimierung ist nur möglich, wenn die Mehrheit zustimmt, immer wieder und über Generationen hinweg einen Vertrag von Egozentrikern unterschreibt, die zu fühlen und zu denken aufgehört haben und einzig dem Rausch folgen, den das Sich-Erhöhen über Andere erzeugt.

Es ist nicht schlimm, wenn keiner sagt, es ist schlimm

Das Menschliche geht dabei ganz und gar verloren, spielt keine Rolle, wird höchstens in Phrasen notdürftig herbemüht, Phrasen, die trösten sollen oder Solidarität bezeugen, wo in Wahrheit Gleichgültigkeit ist und Eigeninteresse. Es ist nicht schlimm, wenn keiner sagt, es ist schlimm. Auch braucht es einen, der zuhört.

"Zu jeder Kunst gehören zwei: einer, der sie macht, und einer, der sie braucht", hat Ernst Barlach einmal gesagt, der große Bildhauer und Chronist des Menschlichen. Die Wälder, durch die er streifte, allein oder mit seinem Sohn, begleitet von Hunden, sind die Wälder meiner Kindheit und Gegenwart. Es ist eine Freundlichkeit in der mecklenburgischen Landschaft, eine Heiterkeit selbst an gespenstisch-grauen Novembertagen, die etwas Beruhigendes, ja Besänftigendes hat für den, dessen Augen zu viel sehen, der dem Menschen mitten hineinschaut in sein Inneres und es sich zur Aufgabe gemacht hat, das, was er sieht, in eine Form zu bringen, Stein und Holz zu konfrontieren mit dem M o m e n t, da der Mensch aus seinem Alltagssein heraustritt und eins wird mit dem Großen. Und das Große, das ist das Ewige, das, was wir alle teilen und das immer wiederkehrt, dem wir uns nicht entziehen können. Menschen in Extremsituationen kommen ungewollt häufig damit in Berührung, mit dem Großen, das nichts Lustiges an sich hat, weil es schwer ist und unerbittlich. Wer kann, macht sich auf und davon, schindet so viel Zeit wie irgend möglich und steht doch, spätestens am Ende seines Lebens, vor der Unausweichlichkeit.

Eine anerzogene Betroffenheit
 
Zu Barlachs Zeit blieb selbst dem Geübtesten wenig Möglichkeit, um auszuweichen. Zwei Weltkriege packten mit gewaltigen Fangarmen jeden, der noch lebte. Frauen wurden zu Witwen. Kinder wurden zu Waisen. Männer wurden zu Soldaten. Unnötig, das weiter auszuführen. Jeder kennt die Bilder und weiß, wie er auf sie zu reagieren hat. Es ist eine Betroffenheit, die anerzogen ist. Sie ist nicht echt. Das hat nichts mit der Distanz zu tun, die zwischen dem Damals und Heute liegt. Nur die Jahreszahlen ändern sich. Die Zeiten bleiben dieselben. Verbrechen, Krieg und Ausbeutung sind nah wie damals, näher noch, denn wir sind mittendrin. Die Kleider, die wir tragen, die Technik, die wir benutzen, alles, womit wir uns schmücken, geschieht auf Kosten Anderer. Wir sind nach wie vor die Privilegierten, und wir machen bereitwillig Gebrauch davon. Das Leid, das uns täglich via Bildschirm entgegenflutet, ist ein Produkt unserer eigenen Gedankenlosigkeit. Nur haben wir mehr Möglichkeiten gefunden, um uns abzugrenzen, unser Dasein zu erhöhen und seine Bedeutsamkeit zu vervielfachen. Das Leid Anderer berührt uns nicht, durchdringt nicht die Mauer aus Alltagssein, die wir errichtet haben, und die unsere Freunde als legitim ansehen, weil sie sich nahtlos an ihre eigene fügt.

"Wirklich uneigennützige Güte ist die einzige, die etwas nützt", heißt es in Gordimers Roman, "und sie entsteht aus einem Impuls. [...] [A]lle anderen Arten von Güte sind nur Taten, die man vollbringt, um dem Bild von sich selbst als anständiger, großzügiger Person zu entsprechen."
 
Kunst kann heilen

Wahre Kunst vereint. Sie öffnet Augen. Sie trennt nicht, sie verbindet.
Kunst ist, wenn man dem Großen lauscht. Es könnte dem Ego nicht ferner sein.  Das selbstverliebte Ego, das aus jeder noch so kleinen Demütigung seine Erektion bezieht, ist eine leere Kalorie, Susie. Du kannst dich nicht nähren von ihr. Es wird auch nichts sein, das deine Tochter dir jemals danken wird.
Kunst ist Liebe.
"I Own You" ist der Versuch eines Gekränkten, zurück in eine Würde zu finden, die niemals wahrhaftig war, sondern nur Schein.
Liebe ist nicht "by the rule", Mick. Du kannst sie nicht erzwingen, weil die Geschichte so besonders war und etwas, aus dem sich was stricken lässt.
Kunst bedeutet Verantwortung.
Kunst bedeutet, wachsen zu wollen, um ihrer würdig zu sein.
Wie kannst du Kunst in "Red to Blue" missbrauchen, um einer so klugen und warmherzigen Frau wie Katy eins auszuwischen, nur, weil du nicht stark genug warst, um dich in der Beziehung den Stürmen zu stellen? Und wen hast du in "White Lies" gedemütigt, eben w e i l du im (Publicity-)Vorteil warst?

Irland bewundert seine Künstler. Irland kehrt gerne unter den Teppich.

Eine Heldentat in deinen Dreißigern bedeutet nicht eine Heldentat auf Lebenszeit, Glen.
Menschlichkeit muss sich in jeder neuen Situation bewähren. Oder nicht.
Man kann nicht immer stark sein. Dafür hat Gott die Entschuldigung erfunden.

Mein Leben ist kein Spiel, Damien. Und auch kein Wettbewerb. Ich eigne mich nicht als Trophäe.

Oder ist es etwa so, dass ein gewisser Bekanntheitsgrad seinen Träger entbindet von Moral und Verantwortung?
Werde ich erst dann in deinen erlauchten Kreis aufgenommen, wenn ich alle Bedingungen Seiner Majestät erfüllt habe?
Dann, lieber Wladimir, lieber Viktor und lieber Tayyip, habe ich mich schuldig gemacht und harre ergeben meiner gerechten Bestrafung. Doch bevor ER sein autokratisches Urteil spricht, bedenke ER bitte eines:
Mögen meine geistigen Ergüsse der letzten Jahre auch nicht für einen Oscar gereicht haben, so waren sie doch gut genug, um dich zu inspirieren.

Ich brauche eure Aufmerksamkeit nicht. Mein Leben, das ihr ausschlachtet und verwertet, ohne jemals teilgehabt zu haben an meiner Wirklichkeit, ist nicht euer Eigentum. Ihr habt nur gestohlen und gelockt, ihr habt nichts verstanden. Keiner von euch weiß, was Liebe ist.
Ihr liebt nur euch selbst.
 
PS
But your so-called love doesn't mean to spare me from confusion, right?
You want to be my saviour, Glen?
You want to be my father, Damien?
You are not even able to write a simple email!
Since five years, I'm damned to be a doll without any right, without ever being asked what I want and whether I want at all. Same time, I've fought the fights of three men in my own life while you pussies were just watching, hiding behind your guitars, waiting for me to solve your riddles of cowardice.
I love music and I enjoy the music of my friends. I admire their talent to create something third that speaks for itself. But what to do with those songs which just ruminate the secrets I've once told Mick when I've trusted him? Always choosing my weak parts so that you can play the hero.
No one of you is a hero. I despise you.
I won't allow this nightmare to be continued.
Sunday the 12th was the last time for me of waiting.
There is no welcome for you here, Damien.
The show is over.