Mara Schindler
Autorin

Lieber Ingo. Ein Essay


I

die seele erbricht sich.
für die einen ist das kotze.
für die andern kunst.
dir kann das egal sein,
du willst nur atmen.


Opfer? Täter? Ein Einstieg

Man kommt nicht darum herum, sich aus seiner Opferrolle zu befreien. Dieser Prozess ist ein Muss. Gerade weil es keinen gibt, der einen freispricht, muss man es selber tun. Das Opfer-Täter-Verhältnis impliziert die Bedeutungszuteilung: der Täter ist alles, das Opfer ist nichts. Es ist per definitionem rechtlos, wehrlos und damit schutzlos. Es wird zur Projektionsfläche, wird mit den Fantasien des Täters besetzt. An ihm, dem Opfer, lebt der Täter/ die Täterin seine Komplexe, seine erlittenen Kränkungen aus. Das Opfer erduldet's, sofern es zu denen gehört, die bereits in ihrer Kindheit eine Programmierung erfahren haben, die es als Mittel zum Zweck definieren und nicht als eigenständiges Subjekt. Das Opfer wird zum Objekt degradiert. Es ist dazu da, die Bedürfnisse des Täters zu befriedigen. Gelingt ihm das, wird es belohnt. Gelingt's ihm nicht, fällt es noch tiefer und zwar aus der Gunst des Täters.

Opferrolle beim Kind

Die (für Kinder) lebensnotwendige Bezugsperson entzieht seine/ ihre Aufmerksamkeit, straft passiv (mit Nichtachtung) oder aktiv (emotionale wie physische Gewalt). Das Opfer setzt nun alles daran, das ursprüngliche Machtverhältnis wiederherzustellen. Es bestätigt damit den Missbrauch, zementiert seine Opferrolle, verleiht dem Täter Allmacht. Sein Verhalten ist kein gesundes Agieren, sondern ein bloßes Reagieren, das sich einpendelt auf das krankhafte Verhalten des Täters.

   

Gleichzeitig nutzt es (das Kind als Opfer) seine unglaublichen Fähigkeiten zur Kompensation, um eine Fassade der Normalität zu errichten. Denn auf eine Normalität ist es angewiesen, weil sein natürliches Wachstumsbedürfnis danach drängt, teilzuhaben am Leben der normalen (schulischen wie alltäglichen) Welt. Die natürlichen Kräfte des Kindes sind enorm. Es ist in der Lage, eine Vater-Mutter-Rolle zu übernehmen und auszufüllen. Unvorstellbar, was Kinder von psychisch labilen Eltern auf ihren Schultern tragen. Bei dem Begriff 'Kindesmissbrauch' wird oft an körperliche, vor allem sexuelle Gewalt gedacht. Es gibt jedoch auch einen emotionalen Missbrauch, der unsagbar verheerend ist.
 
Ein Angriff auf die Ressourcen des Kindes

Dieser Missbrauch spielt mit der emotionalen Bedürftigkeit des Kindes. Der Täter/ die Täterin ist im Vorteil, weil er als Erwachsener über eine erweiterte Perspektive verfügt. Er überschaut den Radius des Kindes und verleibt ihn sich ein. Dabei ist dieser Radius unter gesunden Bedingungen ja der Schutzkreis des Kindes, in dem es gedeihen soll. Der Täter/ die Täterin weiß das genau. Und spielt damit. Womöglich ist 'spielen' aber der falsche Ausdruck, weil es dem Täter nämlich um etwas ganz Essentielles geht, befindet er sich doch in einem seelischen Ungleichgewicht und erhofft sich eine leichte und schnelle Linderung, indem er auf die Ressourcen des Kindes zugreift, die ihm ja zur Verfügung stehen ... Das Kind ist da, es ist sein Kind ... Und das Kind möchte nicht, dass Mami oder Papi schon wieder weinen muss ... Und was Papi will, ist doch auch gar nichts Schlimmes, ist nur ein bisschen Verständnis, ein bisschen Trost in dieser rauen Welt. Und das Kind hat, was die erkaltete Ehefrau (oder wer auch immer) nicht mehr hat, nämlich Empathie. Und davon hat es reichlich. Und schon sind die Rollen vertauscht, wird das Kind zum Tröster und der Elternteil zum Kind. Und dieser Rollentausch ist fatal, er bürdet dem Kind eine Verantwortung auf, deren Konsequenzen es weder fassen noch verarbeiten kann. Und auch wenn man die seelische Bedürftigkeit und Überforderung des Erwachsenen berücksichtigen möchte (wir sind ja alle nur Menschen), wird er hier knallhart zum Täter, weil er seine Verantwortung von sich weist wie ein Kind. Und das im Angesicht seines Kindes.

Es ist nicht schlimm, wenn keiner sagt, es ist schlimm

Nun kann man das Spielchen gedanklich noch ein bisschen ausschmücken und dem Papa oder der Mama sexuelle Bedürfnisse oder Neigungen zugestehen, die er oder sie  womöglich unterdrückt hat und zwar jahrelang, vielleicht, wer weiß, ein ganzes Leben lang. Und da liegt nun das warme Kindchen neben ihm und hält sowieso schon die Hand, da ist doch auch gar nichts weiter dabei, wenn ...
  

Ich sehe was, das du nicht siehst ... In meinen Lesungen versuche ich, neben einer spannenden Figuren- und Autorenbegegnung, die Kinder auf ihre eigene Stimme hinzuweisen. Foto: Sieglinde Seidel

Der Teufel steckt im Detail. Das Dämonische offenbart sich im Spiel. Der Täter/ die Täterin nutzt seinen Vorteil strategisch. Der Radius des Kindes wird nach außen (also offiziell) als Schutzkreis dargestellt. Inoffiziell aber, im einverleibten Radius, findet ein Missbrauch statt, der (offiziell wie inoffiziell!) keiner ist, weil es das Kind selbst war, das den 1. Schritt getan hat, nachdem es vom Täter gedanklich derart manipuliert wurde, dass es keinen anderen Ausweg sieht, als seiner Pflicht zu folgen, die da lautet: den Papi/ die Mami so zu trösten wie sie es wollen und zwar nicht erzwungen, sondern weil das Kind es so will ... 
 
Dies, wie gesagt, die erweiterte Variante, wo emotionaler Missbrauch zu sexuellem Missbrauch führt.

Die Krachlatten unter uns möchte ich jedoch auf einen anderen Aspekt hinweisen.
 
Bis es soweit ist, empfehle ich folgende Übung zur Freisetzung angestauter postpubertärer Energien: Der Ingo, die Karo (und wie sie alle heißen) bilden einen Kreis und schreien hemmungslos alles aus sich raus, was sich A auf 'Fotze' reimt oder B mit 'Katze' assoziieren oder C sonstwie sexualisieren lässt, also 'Pfeife', 'Flasche', 'Tasse' etc., überhaupt alles, was ihr im Mobbing-Unterricht so gelernt habt, Machtmissbrauch, Einschüchterung, Stalking, Bedrohung, wofür NormalbürgerInnen Anzeigen wegen Verleumdung, Datenmissbrauch, Körperverletzung usw. kassieren würden, ihr wisst schon.

II

Ein Schauer durchfährt den Körper, der die Freiheit seines Geistes fürchtet.
- Hendrik Nicolaas Werkman

Ein Herz wie eine verschrumpelte Pflaume

Was ist es, das Kinder von Erwachsenen unterscheidet? Sicherlich haben 'die Großen' ein Plus an erworbenen Fähigkeiten, doch nützen all diese Werkzeuge nichts, wenn eines nicht mehr vorhanden ist: das intakte, also empathische Herz. Das Herz eines Kindes weiß nichts von Possessivpronomen. Natürlich besitzt auch das Kind ein (gesundes) Ego, das ihm zur Abgrenzung dient und das eigene Wohlbefinden überwacht. Doch sein Herz zuckt genauso zusammen, wenn es unmittelbares Leid bei anderen Menschen oder Tieren erlebt. Wann kommt uns diese wertvolle Fähigkeit des Herzens abhanden? Ist es der eine einschneidende Moment einer erfahrenen Kränkung, der uns dazu bringt, unser Herz zu verschließen und unser Ego zum Alleinherrscher unserer Handlungen zu machen? Und was sind das für Handlungen, die nur darauf zielen, den Anderen zu schwächen, zu demütigen und zu verletzen? Destruktives Reagieren wird zur Endlosschleife, führt zum Teufelskreis, vergiftet und erstickt jeden lebendigen Samen, der keimen und sich seinen Weg zum Licht bahnen will. Destruktives Reagieren benötigt Bestätigung, um sich nicht zu erschöpfen, muss immer wieder genährt werden, erhält sich nicht selbst am Leben, weil es kein Leben ist! Es ist nur Reaktion auf die Ur-Kränkung, trägt sie weiter als Erbe, als Fluch. Und wird doch nicht müde, selbstherrlich aufzutreten und seine Rechtfertigung zu präsentieren, die immer materialistisch ist: das Haus, das ich dir gekauft habe, das Leben, das ich dir ermöglicht habe ... Ein Haus ohne Liebe ist ein Gefängnis. Der Tod ist wärmer als ein Leben ohne Würde.

Ein kollektiver Machtrausch und sein Anfang

Menschen, die zur Zielscheibe kollektiven Hasses werden, erleben einen Angriff auf ihr Leben, ihre physische wie psychische Gesundheit wird attackiert, und das mit einer Systematik und Beharrlichkeit, die in der Quantität begründet liegt. Die Täter sind viele, das Opfer hingegen ist allein. Seine Inhalte werden aus dem Kontext gerissen und genussvoll zerstückelt, s. o. Allein dieser Umstand 'alle gegen einen' verweist auf die Feigheit der Täter und auf die erschreckend banale Wirksamkeit des Ausspruchs: die Masse macht's. Warum wagt sich denn der Initiator nicht alleine hervor? Warum braucht er den Mob? Warum scheut er das Gespräch unter vier Augen, die direkte Auseinandersetzung? Warum tut er Bedrohung als Lappalie ab? Warum schreckt ihn der Tod eines Menschen nicht? Warum bezeichnet er Verleumdung als lustig und spaßig? Und warum akzeptiert er kein Ende, kein Nein? Was ist es, das so lautstark geleugnet werden muss? Und was will er denn nun eigentlich von der Frau, die er öffentlich als geistig zurückgebliebene, sexuell missbrauchte Hündin oder - wahlweise auch - Sau umschreibt? Meint er, sie damit neckisch-frivol aus ihrem 'selbstverordneten Dornröschenschlaf' zu wecken? Das moderne Aschenputtel wird nicht zur Prinzessin geküsst, sondern geprügelt, so was? Ja, der Ingo ist ein ganz Frecher!

Empörung und Ekel als Frühwarnsystem

Die wichtigste Errungenschaft des Menschen ist wohl das selbständige Denken. In Kombination mit einem Herzen, das intakt ist, hat man zwei starke Begleiter an seiner Seite. Findet man dann auch noch die Beschäftigung, die einen packt, in die man sich verbeißen und vertiefen kann, schafft man es auch durch stürmische Zeiten, findet man Mittel und Wege, um einen Ausdruck zu finden für das Quälende, die Seelenlast, macht aus dem Kummerstein einen Zauberstein, fängt an, auf dem Seil zu tanzen. Spürt, was einem nahegeht und wo die Luft wegbleibt. Lernt, dass eine berechtigte Empörung  zum Bumerang werden kann (gleichwohl sie sachlich vorgebracht und juristisch abgeklärt wurde), wenn die Person, die sie vorbringt, weniger mächtig ist als der Empfänger. Empört sich trotzdem, weil man nicht anders kann, mal mehr, mal weniger gelungen. Begreift irgendwann, dass Empörung und Ekel ein Frühwarnsystem sind, wenn der eigene Handlungsspielraum angegriffen zu werden droht, ein Aufbäumen der Seele sozusagen, die sich gegen ein Marionettendasein sträubt. Und immer sträuben wird.

III

The very basic core of a man's living spirit is his passion for adventure. The joy of life comes from our encounters with new experiences, and hence there is no greater joy than to have an endlessly changing horizon, for each day to have a new and different sun. - Christopher Mc Candless aka Alexander Supertramp

Die Kluft zwischen den Lebenswirklichkeiten

Ursache für viele zwischenmenschliche Auseinandersetzungen ist wohl die Kluft zwischen den Lebenswirklichkeiten, die sich m. E. nur überwinden lässt, wenn zwei Voraussetzungen tatsächlich gegeben sind: das Vorhandensein eines empathischen H e r z e n s, das ein Einfühlen in die andere Welt ermöglicht. Sowie das Vorhandensein eines W i l l e n s, solch eine Brücke des Verstehens und Annäherns nicht nur zu bauen, sondern langfristig zu erhalten und zu pflegen. Dies impliziert die Notwendigkeit einer B e h u t s a m k e i t umso mehr, wenn wir es mit einer Lebenswirklichkeit zu tun haben, die das T r a u m a kennt, also eine Erschütterung der seelischen Gesundheit (die ja auch immer mit der Erschütterung der körperlichen Gesundheit korreliert, vice versa) erfahren hat.

Ein Verlust der Kindheit


Menschen, die beispielsweise in einem Land leben, in dem Krieg herrscht, kennen kein Gefühl der Sicherheit. Gewalt und Tod sind immer nahbei, das Grauen, die Angst ein ständiger Begleiter. Es gibt kaum Spiel in diesem Leben, weil es zum Spiel eine Komfortzone braucht, eine Normalität, die an Sicherheit geknüpft ist. Jeder Schrei kann Gefahr oder bereits das Ende signalisieren. Die Psyche ist in permanenter Alarmbereitschaft, es gibt kaum Zeiten der Entspannung, der Erholung. Für Kinder bedeutet dies schlichtweg, dass sie keine Kindheit erfahren, bedeutet Kindheit doch das spielerische Ausbauen und Erweitern von Fähigkeiten in einem geschützten Raum. 

Eine vom Charakter des Krieges bestimmte Lebenswirklichkeit erfahren auch - beispielsweise - deutsche Kinder, die in der Familie Gewalt und Missbrauch in seinen eingangs beschriebenen Varianten erleben. Diese verschiedenen Varianten habe ich in meinen beiden Jugendbüchern Mona aus dem Wald (Shaker Media 2019) und Als man Huck Finn in saubere Kleider steckte, verlor er die Freude am Leben (ebd.) thematisiert. Ebenso habe ich auf die Fähigkeiten des Kindes/ Jugendlichen hingewiesen, sich trotz allem einen Raum zu schaffen, in dem es atmen kann. Und atmen muss es, weil es leben will. So einfach ist das. Und wenn es von den Erwachsenen vorwiegend Missbrauch und Angriff erfährt, wird dieser Raum zwangsläufig zum Heiligtum, zur Kirche, das seine I d e a l e hütet und beherbergt. Denn Idealismus braucht es, gerade in düsterer Umgebung, um auch weiterhin diese innere Motivation zu entwickeln, morgens aufzustehen und sich dem Tag zu stellen, der ja ohne Wärme nicht zu ertragen ist. Und das Kind nutzt seine Fantasie und wird zum Ofen, an dem sich alle wärmen, ohne zu bemerken, dass das Kind dabei ist, zu erfrieren ... Keiner bemerkt das, das Kind nicht, denn es ist ja Mittel zum Zweck, weiß gar nicht, dass es ein Recht auf e i g e n e Bedürfnisse hat, die Erwachsenen nicht, weil sie nur damit beschäftigt sind, einander zu zerstören. Wenigstens ist das Kind da! Es wird zum Kummerkasten, zur Haushaltshilfe, zum Sündenbock. Ja, wenn wir dich nicht hätten!

In eigener Sache

Ich habe mir die Aufmerksamkeit, die mir zuteil geworden ist, nicht ausgesucht. Aus einer irischen Liebesgeschichte hat sich etwas entwickelt, über das ich keine Kontrolle habe. Ich habe versucht, zu verstehen und dem, was ich zu verstehen glaubte, gerecht zu werden, meine Stimme zu nutzen, um auf die Themen hinzuweisen, die mir wichtig sind und die ich seit Jahren auf kreativer Ebene zu verarbeiten versuche. Ich fühle mich solchen Menschen am nächsten, denen es ebenso geht: die sich aus einem inneren Drängen heraus zu bewegen beginnen, sich dem Leid entgegenstellen, es zum Tanz herausfordern.

Schockiert bin ich von denjenigen, denen jeder (objektiv urteilende) Grundschullehrer Neidverhalten attestieren würde sowie ein Abspulen des ewiggleichen Machtgebarens: „Du Nobody, ich Star. Du kannst dich nur verbessern. Wenn Star demütigt, ist das Lob. Wenn Star mobbt, ist das Streicheln. Was? Nobody lehnt Star ab? Nobody muss psychisch krank sein!“

In erster Linie hatte ich meine Arbeit auf realer Ebene zu tun. Mein Yellow Pamphlet im Alleingang zu konzipieren, zu lektorieren und herauszubringen, erforderte meine gesamte Aufmerksamkeit. Mir ist klar, dass es sich auf dem gewinnorientierten Buchmarkt nicht behaupten wird, das wusste ich vorher, mir ging es um etwas Anderes. Erstens, zurück in eine Handlungsfähigkeit zu finden. Zweitens, meine Ideale und Erfahrungen in Gestalt meiner Figuren in die Welt zu schicken, hinaus zu dem einen oder anderen Leser, der sich daran wärmen kann, eine Ermutigung, auf die eigene Stimme zu vertrauen, gerade wenn einem eingeredet wird, man sei nichts.

Hoppelstein im Mai 2020