Mara Schindler
Autorin

mona aus dem wald


Karim saß am Fluss und angelte.
Der Fluss war schwarz und voll, als genügte ein Regentropfen, ihn über die Ufer treten zu lassen. Es war dies der Fluss, der in den Frühling mündete. Karim kannte ihn schon. Zwei Winter hatte er in der Mühle am Kalten Wehr verbracht. Zwei lange Winter, in denen der Fluss erstarrt und wieder zum Leben erweckt worden war. Er hatte gelernt, ein Loch in die Eisdecke zu sägen und auf den Hecht zu warten, der - ausgehungert und zäh - sogleich nach dem Köder schnappte, und seien es nur Apfelkerne.
Sie waren kurz vor dem Hungertod gewesen. Die Dürre, die Flut und dann die Kälte hatten sie mürbe gemacht. Kurz nach Karina war Line gestorben. Line, die nichts für den Tod seiner Schwester konnte und ihn doch mit eigenen Händen herbeigeführt hatte. Karim hatte versucht, sich den Worten des Müllers zu überlassen, wie der es von ihm gefordert hatte. Er hatte Line Suppe gebracht und ihr die Stirn gekühlt, wenn man es von ihm verlangte. Wenn die Reihe an ihm war. Wenn der Plan es so forderte. Aber in seinem Herzen hatte es nur geschrien: Stirb.
Der Müller hatte das wohl gesehen, er sah ja alles, der Müller.
Karim hatte manches Mal damit gerechnet, vor die Tür gesetzt zu werden. Doch nichts dergleichen war geschehen.
Die Angelschnur straffte sich. Beinahe wäre der Stecken ihm aus den Händen gerissen worden. Was auch immer da angebissen hatte, schien ein ordentlicher Bursche zu sein. Da, schon wieder! Es hätte ihn beinahe umgeworfen. Rasch sah er sich um, ob Sascha in der Nähe war, doch er konnte ihn nirgends entdecken. 'Gut so', dachte er grimmig. 'Kluge Ratschläge kann ich jetzt nicht gebrauchen. Den will ich für mich haben.'
Und er warf den Kopf in den Nacken und nahm den Kampf auf.
Es wurde ein langes, erbittertes Kämpfen.
Der Bursche war klug. Er machte sich die Strömung zunutze und zog ihn einfach mit, als wäre er nichts weiter als ein Schwarm Stichlinge. Dabei scherte er immer wieder unvermutet zur Seite aus. Ein ums andere Mal sah sich Karim schon im schwarzen Flusswasser wieder. Er wollte gerade aufgeben, als er spürte, wie der Bursche erlahmte. Vielleicht hatte ihn etwas abgelenkt, vielleicht hatte er sich übernommen - Karim dachte nicht weiter darüber nach und zwang ihn mit einem einzigen energischen Ruck in die entgegengesetzte Richtung.
Nun hatte er leichtes Spiel. Mühelos trabte er am Flussufer entlang. Der Bursche aber musste gegen den Srom ankämpfen, was seine Kräfte bald erschöpfte. Es dauerte nicht lange, da war der Kampf entschieden. Karim hievte seinen Fang an Land und staunte nicht schlecht. Dies war der stattlichste Hecht, den er jemals gefangen hatte. Er lachte leise. Wenn das Karina ... Sein Lachen erstarb. Mit düsterer Miene nahm er den Fisch aus, warf seine Innereien ins Wasser und schleppte ihn dann zur Mühle.

Der Müller hob anerkennend die Brauen, als er den Hecht entgegennahm und auf den Tisch warf, wo schon zwei gepelzte Hasen lagen. "Ich denke, den trocknen wir, um unseren Vorrat aufzustocken", überlegte er laut. "Bring mir das Salz, Junge."
Karim gehorchte, wenn auch widerwillig. Er hatte an ein Festmahl gedacht, schon bei dem Gedanken an gebratenen Fisch lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Aber der Müller hatte Recht. Sie mussten sich vorsehen. Dass der Winter vorüber war, bedeutete lange nicht, dass sie es geschafft hatten. Die Winde waren noch immer reizbar. Nachdem sie die Ebene in eine Schlammwüste verwandelt hatten, waren sie auf- und davongegangen und hatten sich lange nicht blicken lassen. Im Land waren Seuchen ausgebrochen, die schlimmste Hungersnot seit Menschengedenken hatte die Bevölkerung heimgesucht und ihre Opfer gefordert.
Es hatte Nächte gegeben, da hatte er mit sich gerungen, ob es nicht seine Pflicht wäre, zurück auf die Burg zu kehren und nach den Leuten zu sehen. Aber er hatte es nicht vermocht. Es war ihm unmöglich, die Mühle zu verlassen. Wer war er schon, der Prinz?
Hier nannte ihn keiner Prinz. Hier war er der Junge, Karim.
Hier war seine Kammer. Hier war die Asche seiner Schwester, in einem irdenen Gefäß verwahrt. Und wenn es einen Ort gab, an den er gehörte, war es die Pritsche unterm Fenster, mit Blick auf den Mond, der sein silbernes Licht über den Fluss warf.
Manchmal, in klaren Winternächten, wenn der Schnee das Mondlicht reflektierte, hatte er geglaubt, als stünde dort am Horizont der Umriss einer Burg. Und er war in Gedanken durch die Gemächer geschritten, vorbei an Karinas Himmelbett und am Bildnis der Mutter. Und er hatte das Gesicht im Kissen vergraben, um seine Schluchzer zu ersticken. Am Tag ließ er sich nichts anmerken. Er hackte das Holz und spürte den Fischen nach, er flickte das Dach und erledigte sorgsam alle Aufgaben, die ihm der Müller übertrug. Nie kam ein Klagen über seine Lippen, nie ein Murren.

Und doch wusste Sascha Bescheid. Denn ihm ging es ebenso, trauerte er doch um Line wie Karim um Karina trauerte. Man hätte meinen sollen, dass der Schmerz sie zusammenführte. Stattdessen trennte er sie, machte sie an manchen Tagen gar zu Feinden. Dann standen sie einander gegenüber und warfen sich Worte wie giftige Pfeile zu.
"Deine Line hat meine Schwester auf dem Gewissen!"
- "Es war das Werk der Hexe! Sie hat Line benutzt wie sie uns benutzt hat! Warum hast du nicht besser auf deine Schwester achtgegeben, Prinz?"
Weiter kamen sie nicht. Ihre Arme hatten sich schon ineinander verkeilt, ihre Köpfe waren aneinandergekracht, ihre Schultern versuchten, den Anderen niederzuzwingen und sein Gesicht in den Schlamm zu drücken.
Der Müller hatte sie die Krone ihres Zorns zerschlagen lassen. Dann war er mit einem einzigen Handgreif dazwischengegangen. Er hatte sie am Schlafittchen gehalten wie geifernde Hunde.
Die Wut der beiden hatte sich augenblicklich auf ihn gerichtet. Er sah es in ihren Augen. Er vernahm auch ihre Anklage, ohne dass sie zu Worten fähig gewesen wären.
'Warum hast du der Hexe Macht gegeben, Müller', schrien die Augen. 'Warum hast du ...'
- 'Warum habt ihr?', erwiderten die Augen des Müllers ruhig. 'Wir meinen, wir sind eine Festung. Doch unsere Festung ist brüchig. Sie weist Risse und Lücken auf. Unsere Festung ist nichts weiter als eine Lehmhütte, doch ohne die Anmut einer solchen. Wir haben versagt. Wir müssen ganz von vorne beginnen.'
Und er hatte sich abgewandt und war zurück an sein Tagwerk gegangen.

Sie hatten Wochen und Monate damit verbracht, den Schlamm auf Karren fortzutragen, die Mühle freizuschaufeln und wieder instandzusetzen. Und immer hatten sie damit rechnen müssen, von den erzürnten Winden überrascht zu werden. Denn die Winde vergaßen nichts, das wusste der Müller, der einst ihr Verbündeter gewesen war. Sie verrieten ihm nichts mehr, trugen ihm keine geheimen Botschaften mehr zu. Sie hatten die Ebene eine Weile ganz gemieden, als würden sie alles Leben vernichten wollen, das sich auf ihr befand. So waren sie, die Winde, und das zu Recht. Denn sie waren die Ersten gewesen, und sie würden die Letzten sein.

Mona hatte an freien Stunden dem Gras beim Wachsen zugesehen.
Sie hatte die Ameisen beobachtet, die - zaghaft zunächst, dann immer bestimmter - zurückgekehrt waren, Halme, derer sie habhaft werden konnten, zusammenzutragen, bis kleine Hügel entstanden waren, in denen die Königin ernährt und behütet wurde.
Mona beobachtete, wie der Fluss sich klärte. Sie beobachtete, wie die Forellen zurückkehrten und mit ihnen die Schwalben. Und es kam der Tag, an dem sie den ersten Zitronenfalter begrüßte, der sich mit zitternden Flügelschlägen auf einer Blüte niederließ.
Das Leben in der Mühle war von Arbeit bestimmt und von der ruhigen Stimme des Müllers, wenn er dies oder jenes erklärte. Mona liebte die Stimme des Müllers. Nie wurde sie kalt, diese Stimme, niemals erhob sie sich. Sie blieb ein und dasselbe besänftigende Murmeln, das an den Fluss erinnerte und an Karina.
Abends, wenn der Tag sich verabschiedet hatte und sie Zeit fanden zum Ausruhen, saß Mona mit dem Müller vor dem geöffneten Fenster am Tisch. Der Müller, dessen Hände niemals untätig waren, knüpfte an einem Seil oder besserte ein Hemd aus, während er von der alten Zeit erzählte. Die Jungen waren schon auf ihre Kammern gegangen, und so war Mona mit dem Müller allein. Sie hatte nichts in den Händen, sammelte nur andächtig die Worte auf, die aus seinem Mund fielen, und reihte sie sorgsam aneinander wie kostbare Perlen auf eine Kette.

"Es waren Tage wie diese, nur dass die Ebene noch nichts vom Weizen wusste. Stell dir Bäume vor, Buchen, um genau zu sein, von der Türschwelle bis zum Horizont. Stell dir Buschwindröschen vor, weiß und grazil, die über den Boden kriechen. Stell dir den Eichelhäher vor, der dein Kommen bemerkt und verrät. Stell dir Rotwild vor, das an dir vorbeigaloppiert und die Erde zum Beben bringt. Vergiss die Mücken nicht, die lassen nicht lange auf sich warten. Der Fluss mäandert sich still und vergnügt die Hügel entlang. Hügel, ja, bevor die Bauern sie abtrugen, um den Boden zu nähren, der kraftlos und schal geworden war. Siehst du den Eisvogel auf den Erlenspitzen? Ihm gefällt nicht, dass du ihn siehst. Er schießt weiter, blauer Blitz überm dunklen Wasser. So etwas kennst du nicht. Und dann - der Biber! Träge zieht er den Fluss entlang. Dass er Bäume fällt, bekümmert dich nicht, denn es gibt ja genug. Wo er den Fluss staut, suhlt sich später das Schwarzwild. Klügere Geschöpfe gab es nie. Du musst ihr Freund sein, um sie töten zu dürfen. Das Töten von Freundeshand verstehen sie. Nicht aber das von Feinden. Und der Marder krümmt sich unbeeindruckt über den Waldboden. Der Waschbär beäugt dich aus seiner Astgabel. Die Jungfüchse kugeln den Hang hinab. Ein Dachs kreuzt deinen Weg, bleibt witternd stehen, bevor er im Dickicht verschwindet. Das alles kennst du nicht."

Der Müller verstummte. Das Hemd glitt achtlos aus seinen Händen. Die Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger, verharrte er, den Blick in die Ferne gerichtet. Es war dies eine rückwärtsgewandte Ferne, eine, die lange vergangen war. Was aber, dachte Mona, wenn dem nicht so wäre?

"Ich kenne den Eisvogel", begann sie sacht. "Ich kenne den Häher. Ich kenne den Frischling wie ich den Jungfuchs kenne. Ich kenne das Wogen der Baumkronen. Ich kenne die Hirschkuh mit ihren Kälbern, die über die Lichtung ziehen und am Klee zupfen. Das alles gibt es noch, Müller, glaubst du es mir?"

Dem Müller war die Nadel aus der Hand gefallen. "Woher ... Bist du sicher? Erzähle!"

Und Mona erzählte, bis die Kühle der Nachtluft sie zwang, das Fenster zu schließen und sich niederzulegen.

In ihrer Kammer lauschte sie den schweren Atemzügen des Müllers jenseits der Wand, sie sah seinen gewaltigen Brustkorb vor sich, der sich senkte und hob, zeichnete mit dem Finger die Kontur der Nase nach, strich über die eingefallenen Wangen und über die zerfurchte Stirn, auf dass sie sich glätten möge. Sie sah Karina vor sich, das liebe Gesicht, die klugen Augen, das seidige Haar, der verzerrte Mund, der nach Luft rang. Und sie umschloss Karina in einer einzigen langen Umarmung, bis ihre Glieder sich entspannten und zur Ruhe fanden. Wenn aber die Reihe an Line kam, versagten ihre Kräfte. Warum gelang ihr bei Line nicht, was ihr so mühelos bei den Anderen gelang? Mona wusste es wohl. Es war der Zorn Karims, der auch in ihr brannte und für den sie sich schämte. Weil Line zu schwach gewesen war, hatte Karina sterben müssen. Es war schwer, sich damit abzufinden. Hätte Line der Hexe Widerstand geleistet, hätte sie ... Schon sah Mona sich in ebenjenes Rad versetzt, das auch die Jungen immer wieder bannte und gefangennahm. Und doch ... Mona zwang ihren Atem zur Ruhe. Line hatte derlei Gedanken nicht verdient. Man hätte sie schützen müssen, man hätte ...

'Genug.' Die Stimme des Müllers unterbrach sie sanft, aber bestimmt. 'Es kommt ein Tag, an dem werdet ihr gemeinsam die Asche der Mädchen dem Fluss übergeben, und alle dunklen Gedanken werden vergeben sein. Schlaf jetzt', sagte die Stimme noch, und Mona gehorchte.

Der Müller aber verließ die Mühle und wanderte den Fluss stromabwärts. Das Mondlicht fiel auf das Wasser und begleitete ihn, nahm seine Gedanken auf und führte sie weiter, auf dass sie die Nacht erhellten. Einmal sah er zurück auf die träumenden Kinder. Sie waren in Sicherheit, ihr Traum wohlbewacht.
Sascha, Karim und Mona.
Drei Menschen, dazu bestimmt, das Licht zu tragen.
'Was ist mit den Anderen?', hörte er Mona fragen, die grünen Augen fest auf ihn gerichtet, die Antwort erwartend, die er ihr schuldig war.
Die Miene des Müllers wurde zu Stein. Und Stein war es, der Antwort gab:
'Die Anderen schlafen.'

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