Mara Schindler
Autorin

letters from space




Also, was ist? Was schaust du mich so seltsam an? Was fragen deine großen Augen, in denen ich vieles sehe, nur keine Entschlossenheit? Als wolltest du der Sehnsucht folgen und weißt nur nicht, wohin. Dein Blick erinnert mich, soll ich ihm folgen? Es fällt nicht weiter schwer. Eine Geschichte also? Dann höre.

Es war einmal (und ist immer noch) der Mond.
Wer kennt ihn nicht? Sein Gesicht ist niemals das gleiche. In manchen Nächten ist es eine zarte, zerbrechliche Linie, die sich an einen Schatten klammert, der eigentlich viel zu mächtig für sie ist. Dann wieder ist es ein praller, zum Bersten gefüllter Ball, der jeden Moment zu platzen droht, um seinen silbernen Inhalt in die Nacht zu werfen. Ein ander Mal rührt es mich zu Tränen, wenn es geteilt ist und seine Hälfte sucht, die irgendwo im Weltall schwebt. Und es gibt Nächte, da ist es gar nicht da und ich suche es vergebens.
Dann stehe ich auf meinem Balkon, drehe und schraube an meinem Fernrohr herum, überprüfe jede einzelne Einstellung, befrage diesen oder jenen Stern, ob er nicht zufällig den Mond gesehen hat. Oft zwinkern sie mir zu und deuten auf eine dunkelblaue Wolke, die sich einen Spaß daraus macht, ihn in Watte zu packen. Aber manchmal schütteln sie sich ganz leise, dass der Sternenstaub nur so rieselt und mir wird klar: der Mond ist fort und alles Suchen umsonst. Der Traurigkeit, die mich in solchen Nächten befällt, entgegne ich dann, dass es nur gerecht ist, wenn der Mond auch mal eine freie Nacht hat und kein Augenpaar der Welt ihn beobachten, ihn beschwören, ihn begaffen und bewundern kann. Es muss anstrengend sein, immer sein Gesicht zu wahren, sei es nun halb oder ganz, immer als Mond am Nachthimmel zu stehen und so viel Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu wissen. Ganz zu schweigen von den Geschöpfen der Dunkelheit, für die er ja die Sonne ist, für Uhu und Dachs, für Fledermaus und Waldkauz, für Siebenschläfer und Marderhund. Und ist denn eine freie Nacht etwa zuviel verlangt? Denn länger dauert es ja nie, nur eine Nacht, in der der Mond sein Gesicht verliert und sich neu macht, um am nächsten Abend, zaghaft zwar, doch durchaus selbstbewusst, sein feines, edles Profil zu zeigen.

Eines Nachts jedoch, als der Mond sein unerschütterliches Pausbackengesicht trug, geschah etwas Ungeheuerliches, da brach er sein Versprechen und verschwand einfach, stell dir mal vor! Der Uhu verschluckte sich vor Schreck an seiner letzten Maus, der Marderhund fing seinen eignen Schwanz, der Dachs rollte sich auf der Stelle zu einem Wollknäuel zusammen und sank ins Gras, die Nachtigall verstummte beleidigt, kurz: die ganze Tierwelt kroch, flog, lief und hockte im Dunkeln, in pechschwarzer, orientierungsloser Nacht! Die Menschen aber schienen nichts zu bemerken. Sie lagen schnarchend in ihren Federbetten, während ich unruhig auf meinem Balkon auf- und abging und ehrfurchtsvoll daran dachte, was geschehen war, nur geschehen sein konnte! Der Mond bricht sein Versprechen, nicht länger als eine Nacht fortzubleiben, nämlich nicht einfach so, das kannst du mir glauben. Und er hatte einen guten Grund, so plötzlich fortzueilen, den allerbesten nämlich, den, der immer zu verzeihen ist. Er wurde Vater!

Wer hätte sich das vorstellen können?
Der wandelbare Mond, der aller Sterne Herzen sicher war, hatte sich ausgerechnet in ihren unscheinbarsten, allerkleinsten verliebt, der noch dazu am weitesten von ihm entfernt war. Nur ein einziges Mal war es bisher geschehen, dass Omega, so hieß dies Sternchen, dem Mond auf ihrer Reise derart nahegekommen war, dass beide einander in die Augen sehen mussten. Und bevor Omega auch nur errötend den Blick senken konnte, war es um unseren Mond bereits geschehen. Er hatte sich Hals über Kopf in die schüchterne Fremde verliebt und machte sich fortan, sooft seine freien Nächte es erlaubten, auf den langen Weg zum anderen Ende der Milchstraße, um Omega zu besuchen und ihr seinen Schutz und seine Liebe anzubieten. Da leuchtete sie in ihrem hellsten Schein und strahlte, dass es eine Freude war. So dauerte es nicht lange, bis aus der vollen, schweren Liebe von Mond und Sternchen ein Kind zu entstehen begehrte. Und eines Nachts, als Omega den Sternenstaub, der sich als Zeugnis ihres Glücks im Übermaß gebildet hatte, nicht länger halten konnte, ging ein Raunen durch das Universum, von großen zu kleinen Sternen, ein Wispern und Rascheln, ein Flüstern und Rufen: "Es ist soweit, Omegas Mondenkind kommt, es ist soweit, sagt es dem Vater geschwind!"

Als die Nachricht endlich den Mond erreicht hatte, erfasste ihn eine große Aufregung. Ohne eine Sekunde zu zögern, verließ er seinen Platz und eilte zu seiner fernen Geliebten. Doch, ach, was auf ihn wartete, war nicht Omega, war vielmehr ... nichts, nicht mal ihr Schatten! Statt ihrer fand er die übrigen Sterne bitterlich klagend und erfuhr, dass seine arme Frau mit jedem Staubkorn, das von ihr gerieselt, unaufhaltsam weniger geworden war und letztlich, in einem kaum für möglich gehaltenen Aufleuchten, verglüht war, erloschen, erloschen. Da schrie der Mond und sein Gesicht zerfiel in tausend Scherben, dass alle Sterne erstarrten und nur noch Stille war, unheilvolle, sich selbst erstickende Stille. Und die Erde hätte zu drehen und alles Leben hätte lange, lange aufgehört zu sein, hätte in diesem Moment nicht die kleine Mondlaus ihren ersten Atemzug getan und mit ihm ihre erste Frage: "Ma-ma?"

Die Sterne erwachten und blickten sich um nach dem Stimmchen, das irgendwo um sie war, nicht zu sehen zwar, dafür zu hören immer mehr, schrie es sich doch beinahe die Seele aus dem Leib, der musste winzig sein, sehr winzig. Sie suchten und suchten, bis endlich ein alter Stern, von allen nur Oma Rho genannt, das Kindlein fand, an einem Mondfaden hängend, den der geflohene Vater in seinem Schmerz vergessen hatte. Dort baumelte es, nur durch sein Zittern in tausend Erschütterungen sichtbar. Wieder ging ein Raunen durch das All. Die Sterne beugten sich nieder, das Wunder in Augenschein zu nehmen. Und sie hätten es wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit betrachtet, wenn die alte Rho nicht ein Machtwort gesprochen hätte, das die Neugierigen zurück auf ihre Plätze scheuchte. Sie nahm sich des wimmernden Winzlings an, gab ihm von ihrer leuchtenden Wärme und wiegte es, bis es in einen tiefen Schlaf gesunken war, der die Aufregung seiner ersten Stunden mit sich fortnahm. So lag es und schlummerte und war der Mutter ganz nah, die ihren Glanz der Tochter gegeben hatte, einen noch zarteren Glanz, einen noch feineren Schimmer. Und auch der Vater war nicht vergessen, er lachte im runden Gesicht, um das sich die silbernen Mondhaare legten. Noch war es nackt und bloß, der Sternenstaub funkelte schwach auf Armen und Beinen, doch hatten sich die braven Sterne bereits darangemacht, ihm ein Kleidchen zu weben aus silbernen und goldenen Fäden, aus Vaters und Mutters letzten Spuren. "Ach, wat ne possierliche kleine Mondlaus", murmelte Oma Rho gerührt, und auch die anderen Sterne nickten ergriffen und flüsterten zärtlich: "Kleine Mondlaus, Mondlaus, unsere kleine Mondlaus ..." Da öffnete es ganz unerwartet die Augen und lachte ein glockenhelles Lachen wie es die jüngsten, fröhlichsten Sterne nicht vermögen, lachte und schlief gleich wieder ein. So hatte die kleine Mondlaus ihren Namen gefunden.

Der Mond aber, alter, gebrochener Mann, hatte sich in den dunkelsten Winkel des Universums zurückgezogen, wohin kein Stern sich jemals wagte, kein Komet und selbst kein Satellit. Es war ein Ort ohne jedes Leben, ohne jedes Licht, ein Ort, an dem die Schwarzen Schatten alles verschluckten, was in ihren Sog geriet, um, ja, um was? Um es an anderer Stelle wieder auszuspucken? Vielleicht an einem fernen Ort des Universums? Wer weiß, es gab so viele Geschichten, die sich die Sterne erzählten, wenn ihnen die Nacht zu lang wurde. Eines jedoch war sicher: Erlosch ein Stern, ging seine Kraft verloren, dann holte der Sog ihn zu sich, und seine Macht, die ein junger Stern nicht kannte noch fürchtete, war plötzlich da und furchtbar stark. Das Sternchen Omega hatte es gespürt, und auch die alte Rho fühlte schon von Zeit zu Zeit dies Ziehen, einem Schwindel gleich, der sie erfasste, einen Augenblick nur, doch sie war gewarnt und rüstete sich im Stillen. Du siehst, es gab kein Entrinnen. Irgendwann musste jeder ins Land der Schwarzen Schatten, doch erst, wenn seine Zeit gekommen war natürlich, nicht vorher schon, wie es nun dem Mond einfiel. Er hatte tränenblind beschlossen, sich den Schatten zu überlassen, denn wer weiß, vielleicht landete er am selben Ort wie seine Omega und sie wären für immer beisammen ...
Doch auch diesmal hatten die Sterne ihren Auftrag ernst genommen, und so kam es, dass der Hauch eines Tones ihn erreichte, bevor er den letzten Schritt gewagt hatte, der Hauch eines Tones, der als eines Winzlings Echo durch den Raum segelte, sich ausweitete, verstärkte und so seinen Empfänger in letzter Sekunde erreichte: "Papaaaaaaaaaaaa ..."
Der Mond hielt lauschend inne. Etwas am Klang dieser Stimme rührte ihn.
"Papa Moooooooooooooond!"
Die Augen unseres Mondes liefen von neuem über. Mit einem Seufzer erhob er sich. Er wandte sich um, nahm Anlauf und ruderte mit den Armen, strampelte und ruderte, ruderte und strampelte, bis er die Schwarzen Schatten weit, weit hinter sich gelassen hatte und mit ihnen einen Ort, den er lange, sehr lange nicht wiedersehen würde.

Spaceletter 2

Wie kann ich sie beschreiben, die Freude des alten Mondes, als er nach atemloser Hast seine Tochter, so winzig sie war, in den Armen wiegen konnte? Sein Kind, an das er nicht mehr geglaubt, das er in seinem Schmerz ganz vergessen hatte? Und wie soll ich es in Worte fassen, das Bild des zerschundenen, doch nicht mehr hoffnungslosen Mondes, dem das neue Glück schon die Haut zu glätten begann und ihm mit der Zeit seine ganze prächtige Fülle zurückgab? Doch lässt sich so großer Schmerz nicht einfach ungeschehen machen, und wenn du in hellen Vollmondnächten genau hinschaust, erkennst du sie, die Lücke unten links, wo für alle Zeiten ein Stück vom Mond fehlen wird, durch nichts zu ersetzen, durch nichts. Dieses Stück nahm das Sternchen Omega mit sich, um ein Andenken zu haben an ihren Liebsten, wer kann es ihr verdenken?

Die kleine Mondlaus aber wuchs mit jeder Nacht ein Millimeterchen mehr, und mit ihr wuchsen auch die Flausen in ihrem bleichen, runden Köpfchen. Noch lag sie in Vaters Armen oder spielte mit ihren Silberhaaren, doch suchte sie, so oft es möglich war, eine Gelegenheit zum Schabernack, streckte den vorübereilenden Sternen frech die Zunge heraus, kitzelte Vater Mond gerade dann, wenn er besonders konzentriert am Leuchten war, oder sang mit ihrer weichen Lispelstimme ein ungezogenes Lied:

Sonne, Mond und Stärne
Hab ich ja so gärne!
Vater Mond trägt einen Hut,
Der ihm sehr gefallen tut.
Sonne, Mond und Lausestärne
Hab ich furchtbar gärne!

Und wenn die Sterne auch zuweilen tadelnd die Brauen hoben oder entrüstet den Kopf schüttelten, lächelte der Mond nur leise. So lebten sie recht lange zufrieden beisammen, bis die erste freie Nacht des Mondes nahte. Er hatte ihr mit einiger Besorgnis entgegengesehen, denn es war ihm unmöglich, seine Tochter auf diese Reise, war sie auch noch so kurz, mitzunehmen. So beschloss er schweren Herzens, sie erneut der alten Rho anzuvertrauen, die doch schon einmal so gut für sie gesorgt hatte.

Und der Mond war gerade verschwunden, da schlug das Kind, das sich schlafend gestellt hatte, die Augen auf und blickte in das stille Gesicht der Amme. Als es aber sah, dass die vom vielen Wiegen selber eingeschlummert war, befreite es sich aus ihrer Umarmung und purzelte kichernd und jauchzend durch den schwerelosen Raum, wedelte mit den Ärmchen, wie sie es bei Vater Mond beobachtet hatte, und machte sich auf und davon, in ebenjene Richtung, in die sie ihn hatte entschwinden sehen. Denn gar zu gerne wollte sie ihm folgen, Versprechen hin oder her, warum verließ er sie auch schon wieder! Die kleine Mondlaus setzte stolpernd einen Fuß vor den anderen, fiel der Länge nach hin und stand schon wieder aufrecht, ohne eine Miene verzogen, ohne eine Träne vergossen zu haben. (Das Fallen im All ist lange nicht so schmerzhaft wie auf der Erde, das kannst du dir denken.)

So lernte die kleine Mondlaus laufen, so lernte die kleine Mondlaus sehen und was für wunderbare Dinge! Es waren nicht nur vorüberstreifende Kometenschwärme, die sie erheiterten, auch nicht die stolzen Sternbilder (Perseus, Andromeda und Pegasus, Orion, Einhorn und Kleiner Hund), die wohlgeordnet und in gebührendem Abstand ihre Bahnen zogen. Vielmehr hatten es ihr die nahen und fernen Planeten angetan, die wie Christbaumkugeln leuchteten und im weiten Raum verstreut waren. Auch unsere Erde war darunter, natürlich, und sie ist ganz unglaublich anzuschauen von so weit oben, ganz geheimnisvoll und rein und sagenhaft schön. Die kleine Mondlaus besah sie sich einen Moment und machte große Augen, doch es dauerte nicht lange und sie hatte sich etwas Näherliegendem zugewandt, das ihr entgegenschwebte und da war - ein Knopf! Ein runder, sehr flacher, blaufarbenglänzender Knopf, kaum größer als dein kleiner Fingernagel. Sie zog sich ein silbernes Haar heraus, fädelte den Knopf darauf und trug ihn fortan als ihren Talisman um den Hals.

Der Knopf aber, der kam von gar nicht weit her. Ein Astronaut hatte ihn verloren, als er im All spazieren gegangen war. Es war ein recht junger Astronaut in einem feinen dunkelblauen Anzug und einer riesigen Kugel auf dem Kopf, in der allein er atmen konnte. Hingerissen hatte er die Sterne angestarrt und war dabei auf den merkwürdigen Gedanken gekommen, seinem Sohn, der auf der Erde auf ihn wartete, ein wenig Sternenstaub mitzubringen, vielleicht ein winziges Haar der Berenike? Er streckte die Hand aus und staunte nicht schlecht, denn er bekam eine solche Kopfnuss verpasst, dass beinahe sein prächtiger Helm davongeflogen wäre. Sämtliche Sterne keiften und zeterten und warfen entrüstet ihre goldenen Haare zurück. Da entschuldigte sich unser Astronaut (er war ein echter Gentleman) und kehrte verlegen zu seinem Raumschiff zurück, wo er entdecken musste, dass der oberste Knopf seines neuen Anzugs fehlte. Um den stritten sich nun die garstigen Sterne (es waren ihrer mindestens fünfzehn) und sie zankten und schrien und beschimpften einander ganz undamenhaft, ohne zu bemerken, dass das Knöpflein sich schon lange von ihnen verabschiedet hatte und einsam durch den Weltraum zog, geradewegs auf unsere Mondlaus zu.

Die lief noch immer durch den schwerelosen Raum, doch ohne den Vater zu finden, so sehr sie auch suchte, so weit sie auch ging. Die Erde im Rücken, eilte sie weiter und stieß dabei, wie es der Zufall wollte, auf das Raumschiff des Astronauten. Schon oft hatte sie es an sich vorbeirauschen sehen, nun aber wollte sie die Gelegenheit nutzen, es einmal aus der Nähe zu betrachten. Lautlos schlich sie heran und umkreiste es mehrere Male, doch ohne auf etwas Anderes zu stoßen als kaltes, beißendes Metall. Und sie wollte sich schon enttäuscht abwenden, als ihr ein Fenster auffiel, vielmehr ein Guckloch, durch das der Astronaut ins All schauen konnte, ohne dass ihm kalt wurde, und durch das unsere Mondlaus nun auf den Astronauten schaute. Da sah sie ihn sitzen, den ersten Menschen ihres Lebens, im Schein eines Lämpchens über seinen Anzug gebeugt, eine Nadel in der Hand, die Zunge zwischen den Lippen, wie er hochkonzentriert einen neuen Knopf annähte. Etwas am Ausdruck seines Gesichts rührte sie, war es auch viel zu schmal und ohne jeden Sternenglanz. Doch aus seinen Augen sprudelte eine Wärme, die sie nie zuvor gesehen hatte, selbst bei der alten Rho, ja, selbst bei Vater Mond nicht. Und was war das? Ihre Wangen röteten sich, ihr Herz begann zu klopfen und setzte für einen Moment aus, denn sie hatte Henri erblickt, den Sohn des Astronauten. Die kleine Mondlaus seufzte tief und wusste so gar nicht, wie ihr geschah. Sie konnte ja nicht wissen, dass soeben zum ersten Mal die Sehnsucht in ihr Herz gezogen war.

Spaceletter 3

Aus irdischer Sicht waren gerade einmal zwei Wochen vergangen, seit Henri, der schon acht Jahre alt war, seinem Vater, dem Astronauten, Adieu gesagt hatte. Wohl war ihm dabei nicht gewesen, denn das All ist groß, viel größer als die Erde, weshalb es auch weitaus wahrscheinlicher war, dass man verloren ging, vielleicht sogar für immer. Andererseits war er doch mächtig stolz auf ihn und sogar ein wenig neidisch, denn wie sehr er auch daran dachte und sich beim Träumen Mühe gab, konnte er sich doch nie ganz vorstellen, wie es dort oben sein und was es für ein Gefühl sein mochte, die Erde im All schweben zu sehen, während man selbst seine Füße im Nichts hatte. Ihm wurde schon beim bloßen Nachdenken schwindelig, wie aber musste erst dem Vater zumute sein, so nah beim Mond?
Abend für Abend suchte Henri den Nachthimmel mit einem Fernglas ab, obwohl Papa ihm versichert hatte, sein Raumschiff sei viel zu klein dafür. Doch man konnte ja nicht wissen, die Erwachsenen irrten ziemlich häufig, vielleicht ...


So überlegte er jeden Abend, bis ihm die Mutter das Fernglas aus der Hand nahm und ihn ans Schlafengehen mahnte. "Erst wenn Vollmond ist, Henri", erinnerte sie ihn. "Hast du das vergessen?"
Natürlich hatte er das nicht vergessen, er war ja nicht mehr fünf! An Vollmond war der Vater geflogen, an Vollmond würde er wiederkehren, so hatte er gesagt, so war das Versprechen! Aber der Mond wollte und wollte nicht voller werden. Heute Nacht war er überhaupt nicht zu sehen, das war doch zum Aus-der-Haut-Fahren!
"Blöder Mond", murmelte Henri und kroch ins Bett, schon besänftigt von Mutters Stimme und ihrem weichen Gutenachtkuss. "Was aber, wenn er uns vergisst und es ihm bei den Sternen viel besser gefällt?", fragte er besorgt, als die Mutter schon an der Tür war. Da drehte sie sich um und erwiderte ernst: "Wenn er uns tatsächlich einmal vergessen sollte, hat er immer noch das Foto, das wird ihm schon beim Erinnern helfen, meinst du nicht auch?"
Henri nickte erleichtert und schlief endlich ein, jenes Bild im Kopf, das sie einige Tage vor Vaters Abflug im Botanischen Garten aufgenommen hatten, vor dem riesigen Mammutbaum, der so herrlich in den blauen Himmel ragte. Mama und Papa und Henri in der Mitte, alle mit lachenden Gesichtern, weil der alte Herr, der das Foto machte, so ernsthaft tat und dabei auch noch seinen eigenen Daumen mitknipste. In ihren Augen aber lag schon die Wehmut, lag schon der Abschiedsschmerz, und im Kakteenhaus, als Mama sich nicht schnell genug abwenden konnte, um eine Träne zu verbergen, klatschte Papa in die Hände und rief: "Aber bitte! Je schwerer der Abschied, umso schöner das Wiedersehen! Und jetzt lasst uns endlich Eisessen gehen, wer weiß, ob es da oben Stracciatella gibt."





Spaceletter 4


So hatten sich also die Wege von Henri und der kleinen Mondlaus zum ersten Mal gekreuzt, freilich ohne dass Henri von den feuchtschimmernden Augen des Mondenkinds wusste, die sich weit oben im All auf sein Gesicht gelegt hatten. Dort saß sie nun auf dem Dach des Raumschiffs und war so sehr in die Betrachtung der Fotografie vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, wie der Astronaut sich erhob und an den vielen Knöpfen herumdrückte, die eine ganze Wand einnahmen. Erst als das Raumschiff zu vibrieren begann, wurde unsere Mondlaus aus ihren Träumen gerissen, recht unsanft sogar, mit einer unvermuteten Rückwärtsrolle und einem dreifachen Salto mortale.

Als sie wieder zu sich kam, war das Raumschiff verschwunden, lag sie in Vater Monds Armen.
"Was soll ich nur mit dir machen, Kind?", klagte er. "Hast du eine Ahnung, welche Sorgen ich ausgestanden habe deinetwegen? Wie soll ich mich jemals auf dich verlassen können? Nein, so kann es nicht weitergehen!"
Der alte Mond, sehr schmal und bleich, seufzte. Müde war er heimgekehrt von seiner Reise, hungrig und schwach, doch statt der Tochter hatte ihn die alte Rho empfangen, mit hilflos ausgebreiteten Armen, eine Zornesfalte im sonst so gütigen Gesicht. "Einfach aus dem Staub gemacht hat sie sich, Väterchen, als ich nur ein Mal kurz eingenickt war. Er muss wirklich mal ein Machtwort sprechen!"
Der Mond hatte genickt und sich sofort auf die Suche gemacht. Zufall und Glück hatten ihn die Tochter schließlich finden lassen, doch der Schrecken saß ihm noch immer in den Gliedern.
Unserer Mondlaus, die von ihrem Abenteuer noch etwas benommen war, fehlten vor Betroffenheit die Worte. Verstohlen tastete sie nach dem Knöpflein, wie um sich daran festzuhalten.
"Ich kann doch nicht immer auf dich achtgeben", fuhr der Mond aufgebracht fort. "Meine Augen sind nicht mehr die besten. Auch haben sich schon viele Sterne beklagt, dass mein Leuchten zu unruhig geworden sei, was einzig und allein einer gewissen ungezogenen Dame zuzuschreiben ist!"
Der kleinen Mondlaus wurde bang. Schon fühlte sie die Tränen über ihre Wangen rollen.
"Nun weine mal nicht, Kind", beschwichtigte sie der Mond und lächelte zufrieden. "Ich habe ja schon eine Idee, die uns beiden helfen wird. Das All ist nicht der richtige Ort für dich, da lauern so viele Gefahren, vor denen ich dich nicht beschützen kann. Aber hierin wirst du sicher sein und dich mächtig wohlfühlen, meinst du nicht auch?" Und er zog hinter seinem Rücken ein wundersames Häuslein hervor, das war gewebt aus vielerlei silbernen Mondstrahlen. Es hatte kugelrunde Fenster und einen winzigen Schornstein, aus dem zarte Rauchwolken pufften, eine oval geschwungene Tür mit silberner Klinke und eine liebevoll gestaltete Einrichtung, die bestand aus einem winzigen Bettchen, das unter üppigen Kissen und Decken beinahe verschwand, einem kleinen Ohrensessel und einem silbernen Tischlein, auf dem ein filigranes Fernrohr lag.
"Damit kannst du nach Herzenslust das All erkunden", erklärte der Vater stolz und betrachtete sie gespannt. "Nun sag mir, wie gefällt es dir?"
Die kleine Mondlaus schluckte und sah sich zaghaft um. "Na ja, es ist schon sehr hübsch und du hast dir so viel Mühe gegeben, aber ..."
"Dann ist ja alles geregelt und ich kann mich endlich aufs Ohr hauen!", rief der Mond erleichtert, als hätte es kein 'aber' gegeben, setzte seine Nachtmütze auf und sank sogleich in einen tiefen Schlaf.
Unserem Mondenkind aber war recht elend zumute, und nachdem es eine Weile still geweint hatte, nahm es das Fernrohr vom Tisch, stellte sich ans Fenster und spähte ins All hinaus.

Für einige Zeit bewegte sich alles in geordneten Bahnen. Der Mond umkreiste die Erde und die Mondlaus besah sich durchs Fenster das All, sah manchmal die Venus und auch den Mars, die der Mond höflich, aber kühl zu grüßen pflegte, war er doch der einzige Mond weit und breit. Wenn sie sich jedoch der Sonne näherten, ermahnte der Vater sie, sich höflich vor ihr zu verneigen und senkte selbst demütig den Blick, denn die Sonne allein war es, die ihm seine Leuchtkraft schenkte und damit sein gesamtes Sein.
"Ohne die Sonne gäb es uns nicht", murmelte er ein ums andere Mal und verneigte sich so tief wie seinerzeit bei uns die Untertanen vor dem höchsten Kaiser.
Unsere Mondlaus aber hatte schon längst etwas entdeckt, das ihr viel interessanter erschien. Eifrig putzte sie die Linse ihres Fernrohrs, um es besser betrachten zu können. Ganz weit in der Ferne, da, wo bei uns der Horizont ist, aber noch viel weiter, zog sich ein Ring durchs All, der aus tausenderlei Steinen bestand, die wild durcheinanderwirbelten.
"Das", erklärte der Mond, "ist die Grenze unserer Welt. Sie ist undurchdringlich. Im Übrigen gibt es dahinter nichts, was der Rede wert wäre. Ein paar Gesteinsbrocken, nichts Besonderes." (Hätte der alte Mond auch nur geahnt, dass sich jenseits des Asteroidengürtels ein riesiger Planet mit Namen Jupiter befand, um den sagenhafte 79 Monde kreisten, wäre er wohl sehr nachdenklich geworden.)
Der geheimnisvolle Ring aber hatte es der Mondlaus angetan. Was mochte wohl dahinter sein? Und woher wollte der Vater wissen, dass er undurchdringlich war? Hatte er es denn schon einmal versucht? Blieb er nicht immer in seiner alten, unabänderlichen Bahn, die ihn um die Erde führte, vorbei an Venus, Sonne und Mars? Und das bis in alle Zeiten, ewiglich?
Die kleine Mondlaus erschauerte, etwas an dem Gedanken beunruhigte sie. Doch sie kam nicht mehr dazu, ihn weiter zu verfolgen, denn sie hatte das Raumschiff wiederentdeckt! Ganz weit hinten am Horizont, in der Nähe der geheimnisvollen Grenze, schwirrte es auf und ab, auf und ab. Unsere Mondlaus erstarrte und hielt den Atem an. Das Raumschiff erschien ihr so klein und zerbrechlich. Warum nur kehrte es nicht um?
"Jaja, wer seine Grenzen nicht achtet", hörte sie den Vater sagen, als hätte er ihre Gedanken erraten. Pausbäckig stand er vorm Fenster, den Blick in die Ferne gerichtet, wo kein Raumschiff mehr zu sehen war.
"Was ist passiert, Vater?", rief sie. "Hast du es auch gesehen?" Verzweifelt suchte sie den Horizont ab, umsonst. Das Raumschiff blieb verschwunden. Da ergriff sie ein seltsames Gefühl. Ein Gefühl, das zum Schmerz wurde und kaum noch zu ertragen war.
"Zermalmt haben sie es, die furchtbaren Steine", gähnte der Vater, denn die eigene Fülle ermüdete ihn rasch. "Warum konnte er es auch nicht lassen? Nun siehst du, was dabei herauskommt, Kind."
Die kleine Mondlaus zitterte. Hitze und Kälte jagten im Wechsel durch ihren Körper. Mit letzter Kraft riss sie die Fensterläden zu und warf sich aufs Bett, um allein zu sein mit diesem neuen und so fürchterlichen Schmerz.



Auch auf der Erde glänzte der Vollmond. Auch auf der Erde wurde geweint. Henris Vater war nicht zurückgekehrt. Er war verschollen, irgendwo im weiten All. Beim Mars hätten sie das letzte Funksignal erhalten, sagte der Raumfahrtchef und schüttelte hilflos den Kopf. Danach habe es nur noch ein Rauschen gegeben, ein Knistern und Zischen.
"War es der Asteroidengürtel?", fragte Henri und hörte seine Stimme wie von fern. "Sicher hat er es versucht, er wollte doch eigentlich zum Jupiter! Und wer zum Jupiter will, muss da hindurch, ist es nicht so?"
Der Raumfahrtchef knetete verlegen an seinem Hut herum. "Wir wissen es nicht genau. Er hatte keine Anweisung, zum Jupiter zu fliegen. Ich bezweifle, dass er solch ein Wagnis eingegangen wäre."
Mama und Henri schwiegen. Sie wussten, dass dem Vater durchaus ein solches Wagnis zuzutrauen war, ob abgesprochen oder nicht. Wenn ihn die Faszination einmal gepackt hatte, dann hatte sie ihn eben gepackt, und nichts und niemand konnte ihn davon abhalten.
"Tja", seufzte der Raumfahrtchef und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. "Wenn ich noch irgendetwas für Sie ..."
"Danke, nein", unterbrach ihn die Mutter, und er ließ sie endlich allein.
Stumm sahen sie einander an, bis sie die Trauer übermannte wie ein schwarzer, endlos langer Schatten.

So vergingen viele Tage und Wochen und Monate, bis ihre Augen wieder lächeln konnten, ohne dass sich eine Träne dazumogelte. Es war ein Kampf, ohne Papa leben zu müssen, und jeder führte ihn auf seine Weise. Mama versuchte, bei allem, was sie tat, an ihn zu denken, ganz so, als sei jeder von ihnen auf einer weiten Reise, an deren Ende sie sich wiedersehen würden. Oft sagte sie: "Denk an Papa, Henri, es hätte ihn traurig gemacht, dich so zu sehen, meinst du nicht auch?"
Henri nickte dann nur, er wollte Mama ja nicht verletzen. Ihm persönlich aber lag nichts an einer Reise ohne Papa, und deswegen musste er ihn wiederfinden! Er glaubte nämlich nicht daran, dass sein Vater tot sein sollte. War es nicht mindestens genauso wahrscheinlich, dass der Asteroidengürtel das Raumschiff nur beschädigt hatte und es ihm gelungen war, sich auf einen der vielen Monde des Jupiter zu retten? Vielleicht saß er nun auf Io, Kallisto oder Ganymed, so wie Robinson Crusoe auf dieser Insel gestrandet war, und wartete auf ein Raumschiff, das ihn nach Hause brachte. Und wenn auch so schnell keine Hilfe zu erwarten war, so wusste er sich doch bestimmt zu helfen, war er nicht ebenso geschickt und klug wie dieser Robinson? Eine Weile musste er schon aushalten da oben, bis Henri, der ja erst achteinhalb war, die Astronautenprüfung bestanden hatte und ins All fliegen konnte, um jeden einzelnen der 79 Jupitermonde anzufliegen und den Vater schließlich zu retten!
So war sein Plan, und als er wieder zur Schule ging, stürzte sich Henri mit Feuereifer ins Lernen, denn er wollte der jüngste und beste Astronaut aller Zeiten werden und hatte daher keine Zeit zu verlieren.

Spaceletter 5

Die Jahre gingen dahin. Geburtstage und Weihnachtsfeste wechselten einander ab. Die Tage wurden kürzer und wieder länger, das Herbstlaub wirbelte durch Straßen und Hinterhöfe, manchmal brachte der Winter Schnee. Zwischen Frühling und Sommer, Winter und Herbst, zwischen Rasenmähen und Schularbeiten und Sonntagsausflügen aber geschahen leise Veränderungen, von niemandem so schnell bemerkt wie sie vonstatten gingen.
Henri war inzwischen fünfzehn Jahre alt. Und wenngleich er nach wie vor Astronaut werden wollte, hatte er doch die Hoffnung aufgegeben, seinen Vater jemals auf einem Jupitermond wiederzufinden. Mochte Robinson Crusoe auch dreißig Jahre auf einer einsamen Insel verbracht haben - ein Mond blieb ein Mond, auf dem ließ sich nicht so ohne Weiteres leben. Das wusste Henri, doch seine Unruhe bändigte es nicht.
Aus seinem Zimmer war mit der Zeit ein kleines Planetarium geworden. Überall hingen Sternkarten an den Wänden und Bilder von den neuesten Raumschiffen und Satelliten. Vorm Fenster standen Teleskope verschiedener Größe, durch die er allabendlich den Himmel beobachtete und sich Notizen machte, Berechnungen und Aufzeichnungen, die keiner verstand außer Henri selbst.
Die Mutter machte sich große Sorgen. Wohin wollte der Junge bloß? Warum kam er nicht zur Ruhe? War es die Ungewissheit darüber, was mit dem Vater geschehen war? Oder war es nur die Pubertät?
Was auch immer es war, Henri drängte es fort. Fort von der Mutter und ihren sorgenvollen Blicken, fort von der Schule und der aufdringlichen Thea, die ihm mit ihren blöden Briefen keine Ruhe ließ, ja, fort von allen Menschen, sie interessierten ihn nicht und störten ihn bloß!

Weit draußen im All, dort, wohin Henris Teleskope nicht schauen konnten, brachte die Zeit ebenfalls Veränderung. Zwar wohnte die Mondlaus noch immer in ihrem Mondhaus und besah sich durchs Fernrohr das All. Doch genügte ihr das schon lange nicht mehr. Es gibt zu viele Wände hier, dachte sie und sah sich um in dem Häuschen, das immer kleiner zu werden schien. Luft, dachte sie. Ich brauche Luft! Und sie riss die Tür auf und trat ins Freie.
"Papa?"
Der Mond bereitete gerade seine Reise vor und blickte die Tochter aus schmalen Augen an.
"Was gibt es, Kind, du siehst, ich habe nicht viel Zeit."
"Findest du nicht, dass ich ein ganzes Stück gewachsen bin?"
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte das Kinn. Ihr silbernes Haar umrahmte ihr Gesicht. Ihre großen Augen funkelten herausfordernd. Der Mond sah wohl, dass seine Tochter kein Kind mehr war. Doch was änderte das? Er musste sich eben etwas einfallen lassen für sie, vielleicht konnte sie ihm ein wenig bei seiner Arbeit zur Hand gehen, es gab doch immer was zu tun.
"Wir wollen darüber reden, wenn ich zurück bin, Kind." Und in einem Anflug von väterlicher Großmut strich er ihr übers Haar und fragte: "Gibt es sonst noch etwas, das du mir sagen möchtest?"
Die Mondlaus zögerte. "Na ja, das Häuschen, ich fühle mich nicht mehr recht wohl darin und ..."
"Ich verstehe!" Der Mond klatschte in die Hände. "Du willst ein neues, ein größeres Mondhaus! Bekommst du, bekommst du. Und nun Adieu, mein Kind."
Der Vater segelte davon. Zurück blieb, allein und gekränkt, die Mondlaus.
"Na sowas", sagte sie leise. "Jetzt reicht es aber."
Und sie gab der Haustür einen Tritt, dass es krachte, schnappte sich das Fernrohr und lief davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Jede Geschichte hat ihre Sternstunde. "Die kleine Mondlaus" entstand vor mehr als zehn Jahren, als ich mich im Geschichtenschreiben übte. Da lebte ich in Halle an der Saale in einem uralten Haus, am Fuße der Burg Giebichenstein, direkt am Fluss. Hinter jeder dritten Hausecke gab es Wunderbares zu entdecken.

Spaceletter 6

Die kleine Mondlaus war noch nicht lange gewandert, mit gesenktem, vor Zorn gerötetem Kopf und in den Taschen vergrabenen Händen, als vor ihr plötzlich die alte Rho stand. Sie war ihr geradewegs in die Arme gelaufen.
"Gute Nacht, meine Liebe, wohin so eilig?", fragte die Alte freundlich.
"Gute Nacht, Oma Rho", antwortete die Mondlaus verlegen. "Ich weiß noch nicht. Ich laufe weg."
"Oh, bitte, nicht schon wieder!", seufzte die Alte, denn sie erinnerte sich nur allzu gut an den Trubel vom letzten Mal. So viel Unverständnis konnte die Mondlaus nicht länger ertragen.
"Aber Oma Rho!", platzte es aus ihr heraus. "Ich kann doch nicht immer im Mondhaus sitzen und mich zu Tode langweilen, versteh das doch! Meine Beine wollen laufen, meine Augen wollen sehen. Bin ich nicht jung? Und doch kein Kind mehr. Ich kann für mich selbst sorgen und lässt man mich nicht, so gehe ich eben. Sei nicht traurig, ja? Ich werd dich vermissen, leb wohl!"
Und ehe sie etwas erwidern konnte, war unsere Mondlaus schon auf und davon, die Spitze ihres Fernrohrs winkte als letzter Gruß.
"Recht hat sie", murmelte Oma Rho und zwinkerte eine Träne fort. "Doch wie bring ich's nur dem Mond bei?"

Inzwischen hatte unsere Mondlaus einen Entschluss gefasst.
Sie saß auf einem Satelliten, um ein wenig auszuruhen, und spähte durchs Fernrohr. Vor ihr drehte sich rund und blau die Erde. "Irgendwo da unten muss er sein", sagte sie leise. "Irgendwo da unten." Sie hatte beschlossen, ihrer Sehnsucht zu folgen und den Sohn des Astronauten zu finden, der seit jener verhängnisvollen Begegnung mit dem Raumschiff in ihrem Herzen umhergeisterte und ihren Träumen keine Ruhe ließ. Außerdem hatte sie es satt, immer nur alles aus der Ferne zu betrachten, sie wollte endlich einmal erleben, wie es auf so einem Planeten zuging. Das All war für eine Mondlaus doch ein recht langweiliger Ort, vielleicht ging es bei den Menschen etwas munterer zu. Doch wie sollte sie dorthin gelangen? Es schien ihr sehr fern. So saß sie auf dem Satelliten und grübelte und überlegte und schlief ganz schnell ein, denn Abenteuer machen müde, besonders wenn sie mit langen Wanderungen im All verbunden sind.
Und wieder einmal kam die Hilfe im Schlaf, spann der Zufall mit zarten Fingern einen Faden, der unsere Geschichte weiterschrieb und die kleine Mondlaus ihrem Ziele näherbrachte.
Der Satellit nämlich bekam die Anweisung, seine Position zu verändern und sich dem nördlichen Teil der Erde zu nähern, um dort das Wetter aufzuzeichnen, Nachrichten zu übertragen und auch ein wenig zu spionieren. So kam es, dass die Mondlaus, als sie erwachte, der Erde so nahe war, dass sie glaubte, ein Sprung würde genügen, sie zu erreichen. Sie jauchzte vor Freude und spähte durchs Fernrohr und schaute und schaute und ...
War das zu glauben? Kam das nicht nur in Träumen oder Märchen vor?
Sie schaute und schaute und fand die Augen Henris, fiel geradewegs in sie hinein, fiel in ein Grün, das sie noch nie gesehen, fiel in ein Grau, das ihr noch nie begegnet war, fiel in ein grenzenloses Staunen und wusste dabei doch, dass sie es kannte, dieses Grün und dieses Blau, dass es vertraut war, dieses Staunen, dieses Finden.
Und auf der Erde, in der Neumondnacht, am Fenster, hinterm neuen Teleskop, überfiel es einen Jungen heiß und kalt, wurden taub seine Beine, toste und wirbelte ein Orkan in seinem Bauch, versank auch er in den goldenen Augen des Mondenkinds und fand einen Spiegel in ihnen, in dem er sich selber sah.
Zwischen Himmel und Erde, zwischen Irren und Suchen, verbanden sich so die Blicke zweier Welten und erkannten sich. Was sind da Worte? Was sind da Zahlen und Berechnungen? Da ist nur Schweigen, weit und voll, und in ihm eine Melodie, dunkel und zart. Erkennst du sie? Hast du ihr je gelauscht? Sie war einmal in dir, du kannst sie wiederfinden.
Henri und unsere Mondlaus tanzten in ihr, und es geschah, dass sie einander immer näherkamen, da Mondenkind vom Satelliten sprang und sich an einem Mondfaden zur Erde gleiten ließ, geführt von Henris Blick, der sie festhielt und ihr die Richtung wies. Ein Sturm erfasste sie und nahm ihr den Atem, er zerrte an ihren Kleidern und zog an ihren Haaren, er drückte ihr mit eisigen Fingern die Kehle zu und peitschte ihre Glieder.
"Komm zurüüück", schien er zu rufen. "Tu es niiiiicht!"
Doch war die Sehnsucht stärker und zog sie weiter, immer weiter, durch den Himmel und auf die Erde, bis sie vor Henri auf dem Fenstersims zum Stehen kam.
"Da bist du ja", war alles, was sie sagen konnte, bevor sie in seine Arme fiel.

Spaceletter 7

Der Morgen war ein Fest.
Die Sonne hatte ihr schönstes Sonntagsgewand angezogen und ließ sich vom azurblauen Himmel bewundern. Die Bäume zeigten ihr frisches Junigrün und winkten mit den Blättern wie grüßende Hände. Und auch die Vögel waren nicht müßig und tirilierten in den gewagtesten Tönen. Die kleine Mondlaus erwachte. Es war der erste Tag ihres Lebens. Als sie die Augen aufschlug, schoss ihr die Helligkeit entgegen wie ein scharfer, harter Strahl. Nach einer Weile ließ der Schmerz nach, erhielten die Dinge Konturen und Farben. Neugierig richtete sie sich auf und sah sich um. Als sie jedoch ans Fenster treten wollte, bemerkte sie, dass ihre Beine nicht gehorchten. Wie zwei schwere Steine lagen sie auf dem Bett und wollten sich nicht bewegen. Verzweifelt zerrte sie an ihnen und spürte doch nur, dass ihr jede Bewegung große Mühe bereitete.
"Das ist die Schwerkraft", erklärte Henri. "Du wirst dich bestimmt daran gewöhnen."
Die kleine Mondlaus nickte verschlafen.
"Ich heiße Henri. Und du?"
Mondenkind stockte und überlegte. Mondlaus schien ihr plötzlich kein schöner Name mehr zu sein.
"Mo-na", antwortete sie langsam. "Mein Name ist Mona."
Mühsam richtete sie sich auf und tat, auf Henri gestützt, ihre ersten Erdenschritte.
Am Fenster blieb sie stehen und sah hinaus. Unter ihr lag der Garten mit seinen Apfel- und Pflaumen- und Birnenbäumen, seinen Johannisbeersträuchern und Kräuterbeeten. Am Gartenzaun stand Henris Mutter und plauderte mit der Nachbarin, einen Korb über den Arm gehängt, aus dem frischgepflückte Holunderblüten wie Schneeflocken ragten. Nicht nur Mona staunte, auch Henri selbst erschien sie heute freundlich und schön, die Welt vorm Fenster. Hand in Hand gingen sie in den Morgen, der staunenden Mutter entgegen.
"Das ist Mona", sagte Henri und errötete. Die Beine der Mondlaus machten einen Knicks, doch mehr aus Not denn aus Höflichkeit. "Gute Nacht, Madame", grüßte sie höflich. "Es freut mich sehr."
Die Mutter reichte ihr lächelnd die Hand. "Guten Tag, Mona, es freut mich auch."
Mona saß schon auf der alten Schaukel, die seit Jahren vereinsamt in einer Birke hing.
"Herrlich", seufzte sie und begann zu schaukeln. "Fast wie daheim."
Henri konnte seine Neugierde nicht länger zurückhalten. "Wo genau ist denn dein Zuhause?"
"Ich bin die Tochter von Vater, dem Mond, und Omega, dem erloschenen Sternchen", erwiderte sie stolz. "Mein Zuhause war lange Zeit ein Mondhaus, doch es wurde mir zu eng und ich hab's verlassen, um dich zu finden. Aber das ist ein lange Geschichte."
Sie verstummte und schloss die Augen. Wie herrlich war es, durch die Luft zu gleiten und den Wind zu spüren, der so warm war und weich! Wie herrlich war es, den Blick über Blumen und Bäume schweifen zu lassen, die sich hin- und herwiegten und in den lieblichsten Farben leuchteten. Alles war so lebendig, erfüllt von Bewegung, ja, die Bewegung selber. Es war wie ein Fließen und Strömen, wie ein langer, genussvoller Atemzug!




So verlebten sie einen wunderbaren Tag. Sie lagen unter der Birke und aßen Erdbeereis, zeichneten mit den Fingern die Umrisse der Wolken nach und sahen sich schweigend an. Es gab nicht viel zu sagen, die Zeit schien stillzustehen. Erst als sich die Sonne zu verabschieden begann und die ersten Sterne am Himmel erschienen, wurde Mona unruhig. "Lass uns hineingehen", bat sie und zog die Vorhänge zu, sobald sie in Henris Zimmer waren. Sie rollte sich auf dem Bett wie eine Katze zusammen und schlief ein. Henri aber ging unschlüssig auf und ab und dachte nach. Morgen war Montag und er musste zur Schule. Was würde solange mit Mona geschehen? Konnte er sie für so viele Stunden allein lassen? Seine Bedenken zerstreuten sich rasch, denn Mona zeigte ein sehr ausgeprägtes Schlafbedürfnis und pflegte erst zu erwachen, wenn Henri aus der Schule kam. Es war, als verlangte das Leben auf der Erde ihrem Körper große Anstrengungen ab, die nur im Schlaf aufgehoben waren. Und immer war es die hereinbrechende Dämmerung, war es die nahende Nacht, der sie beharrlich aus dem Weg ging. So sehr es sie ans Tageslicht drängte, so sehr schien sie den Nachthimmel beinahe ängstlich zu meiden. Henri sagte nichts dazu. Obwohl die Fragen in ihm immer lauter wurden, hielt er sie zurück, einer Ahnung folgend, die ihn warnte um des stillen Glückes willen, das ihm so unerwartet begegnet war.

Die Wochen vergingen, mit ihnen entfaltete sich der Sommer in seiner ganzen Pracht.
Eines Tages kam Henri etwas früher aus der Schule heim und fand Mona im Garten auf der Schaukel sitzend.
"Was zeigst du mir heute?"
"Wie wär's mit dem Meer?"
"Meeeeeer", wiederholte Mona. "Das klingt schön."
Schon saß sie hinter Henri auf einem qualmenden Mofa. Sie fuhren auf schmalen, sandigen Wegen, vorbei an blühenden Mohnfeldern und weiten Koppeln, auf denen Kühe grasten, Pferde und Schafe, fuhren hügelan und hügelab, durch lichte Buchenwälder, vorbei an klaren, schilfumrandeten Seen, auf denen das Sonnenlicht tanzte. Mona nahm alles mit klopfendem Herzen in sich auf, vernahm auch den Duft des ersten Heus und den lockenden Ruf der Lachmöwen, die sie seit einiger Zeit im Zickzackflug begleiteten. Als der Weg zu sandig wurde, versteckten sie das Mofa hinter einem Weißdornstrauch und gingen zu Fuß weiter. Mona fiel das Laufen längst nicht mehr so schwer wie einst. Fasziniert beobachtete sie, wie ihre Füße im gelben Sand versanken, der warm war und leise knirschte.
"Da zeig ich dir das Meer und du schaust nur auf deine Füße!"
Mona blickte auf und ihre Augen weiteten sich. Konnte es so etwas geben?
Vor ihnen ausgebreitet lag das Meer wie ein unendlicher Teppich aus Wasser, der bis zum Horizont reichte und wie von Zauberhand seine Farbe wechselte, mal dunkelblau, beinahe schwarz auf seine Tiefe deutete, dann wieder schimmerte wie ein Smaragd auf hellem Samt. Doch das war es noch nicht, was sie im Innersten erschütterte, da war noch etwas Anderes, das ihren Sinnen so ungestüm entgegendrängte: der herbe Geruch des Salzes, den der Wind zu ihr brachte, das donnernde Geräusch der Brandung, das anschwoll und abklang wie der Klang ihres eigenen Herzens. Ja, war es nicht sogar die Gewaltigkeit dieser einen Bewegung, die alles umfasste, die alles durchdrang mit diesem steten, pulsierenden Rhythmus, der Leben hieß? Mona und Henri liefen zum Wasser und sprangen den Wellen entgegen. Die plötzliche Kühle raubte ihnen den Atem. Jauchzend rangen sie nach Luft, bevor die nächste Welle sie mit sich nahm. Es war wie ein Tanz zwischen Himmel und Erde. Ihre Füße verließen den Boden und fanden ihn wieder, ihre Arme zerteilten das Wasser und waren wie Flügel. Oh, welch ein Gefühl, so an den eigenen Körper erinnert zu werden!




Ermattet lagen sie später im warmen Sand und ließen sich von der Sonne trocknen.
"Sie beginnt sich zu verändern", dachte Henri, als er Mona betrachtete. Statt des bleichen Mondenschimmers färbte sich ihre Haut allmählich bronzefarben. Auch ihr Haar war nicht mehr durchweg silbern, sondern zeigte vereinzelt schon hellbraune Strähnen. Nur das Gold ihrer Augen war unverändert geblieben und ähnelte dem satten Gelb des Bernsteins.
"Hast du eigentlich Heimweh?"
Er hatte die Frage nicht stellen wollen, er hatte überhaupt nichts sagen wollen, doch es war zu spät.
Mona ließ seine Hand los und richtete sich auf. Ihr Blick war ein anderer geworden, als sie sagte: "Ich habe versucht, nicht daran zu denken."
In diesem Moment entdeckte Henri den blauen Knopf, der unter ihrem Kleid verborgen gewesen war.
"Was ist das? Das gehört meinem Vater, ich weiß es genau!"
In seinem Kopf begann das alte Toben. Voller Ungeduld waren seine Fragen, die kein Ende nehmen wollten.
Mona erzählte ihm, leise und ernst, als gelte es, eine Beichte abzulegen von ihrer Begegnung mit dem Astronauten, die nun schon so viele Jahre zurücklag.
"Und das sagst du mir erst jetzt?" Henri war außer sich. Er sprang auf, zog sich hastig an und lief davon.
Mona schaute ihm traurig nach. Nun war es also zu Ende. Das stille Glück, der leise Frieden waren fort. Sie seufzte schwer und sah zum Himmel hinauf. Das Licht hatte sich verändert. Die ersten Schatten krochen über die Dünen. Bald würde es dunkel sein.
Als Henri zurückkehrte, hielt er den Blick gesenkt.
"Heute Nacht ist Vollmond."
"Ich weiß."
"Du musst mich hinaufbringen, Mona."
Mona sagte nichts. Was gab es auch zu sagen? Henris Entschluss stand fest, das spürte sie. Und wenn sie sich auch weigern sollte, würde doch nichts mehr so sein wie es noch vor Stunden gewesen war. Mochte Henris Suche auch ein Irren sein, so musste er es doch allein als solches erkennen und ihm bis zum Ende folgen, selbst wenn ... Mona schloss die Augen. Selbst wenn es dann für sie beide zu spät war.
"Ich will es versuchen", sagte sie. "Aber ich weiß nicht, ob meine Kraft ausreicht, um ..."
Sie verstummte, denn plötzlich sah sie den Mond, der blass und rund am Himmel erschienen war. Noch verschwammen seine Konturen mit dem zarten Violett des Himmels, noch war seine ganze Macht und Fülle nicht sichtbar. Doch Mona spürte sie bereits und es durchzog sie ein leiser Schmerz, ein Schmerz, der schon immer in ihr gewesen war und nun nach außen drängte, ein Schmerz, der alles vereinte und doch nichts verband.
Das Hier und das Dort. Das Du und das Ich. Das Früher, das Jetzt. Die Sehnsucht.


Sie saßen am Strand und warteten.
Die Nacht kam mit kleinen, unwiderruflichen Schritten.
Der Wind war schon lange fortgezogen und auch das Meer hatte sich beruhigt und war eine spiegelglatte Fläche geworden, auf der sich das silberne Licht des Vollmonds brach.
Die Stille war's, an der Mona erkannte, dass es gleich soweit sein würde.
"Komm", flüsterte sie und stand auf. Henri tat es ihr gleich.
Vor ihnen tanzte ein Mondstrahl auf und ab.
"Lebe wohl, Wind", murmelte Mona, als sie Henris Hand nahm und in den Mondstrahl trat.
Dann gab es nur noch weißes Licht, das sie hinaufzog, einem Magneten gleich.
Schon lagen Strand und Wasser unter ihnen, wurde die Erde zum Ball, der immer kleiner wurde.
"Lebe wohl, Meer", flüsterte Mona. "Lebe wohl, Erde."




Spaceletter 8

Hörst du noch zu?
Bist du noch da, um der Geschichte zu lauschen? 
Dann höre, wie es weitergeht.

Die kleine Mondlaus kehrte ins All zurück, mit ihres Vaters Hilfe, denn ihre Mondenkraft war auf der Erde schon beinahe ganz erloschen. Der alte Mond staunte nicht schlecht, als er den Erdenjungen Henri erblickte, der zitternd vor ihm stand und vor lauter Aufregung kein Wort herausbrachte. (Wann begegnet man auch schon dem Mond von Angesicht zu Angesicht?) Mona führte ihn in ihr Mondhaus, wo er sogleich in einen tiefen Schlaf fiel. Dann trat sie vor den Vater und hielt seinem Blick stand, der fragend war, auch tadelnd, doch voller Liebe blieb. Oma Rho hatte ihm seinerzeit, so behutsam sie es vermochte, das Verschwinden der Tochter beigebracht mit Worten, die einst ihre eigenen gewesen waren: "Bin ich nicht jung? Und doch kein Kind mehr. Meine Beine wollen laufen, meine Augen wollen sehen - und mein Herz will lieben!"
Nachdem der Mond ein Weilchen getobt und gewütet, gehofft und gebangt hatte, war er sehr nachdenklich geworden, beinahe verständig. Soll sie ruhig ihrer Wege gehen, dachte er milde, wenn sie nur gerne zu mir zurückkommt.
Und nun also dies: ein Erdenjunge im Mondhaus und eine Mondlaus, die nicht wiederzuerkennen war. "Als nächstes willst du wohl noch die Grenze unserer Welt überwinden?", klagte der Mond und traf damit voll ins Schwarze.
"Der Astronaut, erinnerst du dich?", fuhr Mona fort. "Das war sein Vater. Und er findet keine Ruhe, bis er nicht dort gewesen ist. Kannst du das nicht verstehen?"
Der Mond rang verzweifelt die Hände. "Was habe ich nur getan?", rief er. "Was würde deine arme Mutter dazu sagen?"
Da tat Mona etwas, das sie selber überraschte. "Vater", sagte sie. "Meine Fehler sind nicht deine Fehler. Wie auch deine Versäumnisse nicht meine Versäumnisse sind. Ich habe jetzt die Kraft für ein eigenes Leben. Bitte denk daran."

Als Henri erwachte, war es Mona, die ihn anschaute. Und wie einst die Fotografie im Raumschiff des Astronauten, studierte sie nun jede Einzelheit seines Gesichts, jede Rundung und jeden Schatten.
"Was tust du?"
"Ich bewahre dich."
"Warum? Werden wir denn nicht immer beisammen sein?"
"Dann wären wir jetzt nicht hier, sondern auf der Erde."
"Was meinst du damit?"
"Ich bin ein Mal zu dir auf die Erde gekommen, Henri. Noch ein Mal kann ich es nicht. Jedenfalls nicht so bald. Meine Mondenkraft muss sich erst erneuern. Doch es liegt nicht an mir allein. Weißt du noch, wie unsere Blicke sich getroffen haben? Deine Sehnsucht hat mich zu dir geführt. Deine Liebe ließ mich atmen, ließ mich gehen."
"Das heißt, dass auch ich jetzt nur atmen kann durch deine Liebe?"
"Und weil du sie erwiderst, ja, so ist es wohl. Doch ist es auf der Erde leichter als im All. Meine Kraft wird nicht lange ausreichen, um dich zu wärmen, denn es ist hier viel kälter als bei euch. Du wirst erfrieren, wenn du nicht bald zurückkehrst, Henri. Darum müssen wir uns beeilen." Sie sah aus dem Fenster. "Wir sind da."

Vor ihnen lag der Asteroidengürtel, ein gewaltiger Ring aus Gesteinsbrocken, um den sich Schwaden aus Sand und Staub legten. Mit lautem Getöse jagten sie einander, überschlugen sich, wurden zersplittert, um von neuen, noch größeren Asteroiden ersetzt zu werden. Henri glaubte zu träumen. Er konnte nicht glauben, was er da mit eigenen Augen sah.
"Hier muss es gewesen sein", sagte Mona unbeeindruckt. "Ja, ich glaube, es war hier." Sie sah ihn forschend an. "Willst du immer noch da durch?"
Henri hob hilflos die Hände. "Was bedeuetet das alles? Wo bin ich?"
"Du bist da, wo du immer sein wolltest", erwiderte Mona und ließ ihn allein.
Henri sank in sich zusammen. Statt der vielen Fragen, die in ihm getobt hatten, fühlte er nun eine große Verlassenheit. Eine Verlassenheit, die den Menschen erfüllt, wenn er das, wofür er gelebt hat, als Irrtum entlarvt.
"Vater", dachte er. "Da bin ich dir nun bis ins All gefolgt, nur um zu erkennen, dass ich mich nicht weiter von dir entfernen konnte." Er schlug die Arme um den Leib. Wie kalt ihm war. Lange würde er es nicht mehr aushalten können.
Das Rauschen und Tosen des Asteroidengürtels war schwächer geworden. Also segelten sie schon wieder Richtung Erde.
Mona kam zurück und setzte sich zu ihm. Ihre Gesichter berührten sich fast. Henri fühlte ihn näherkommen, einen weiteren schweren Abschied in seinem Leben. "Es tut mir so leid", sagte er leise. "Hätte ich nicht ..."
"Du hast getan, was du tun musstest", unterbrach Mona ihn. Dann zog sie die Kette mit dem Knopf hervor und legte sie um seinen Hals. "Du hast deinen Vater zwar nicht gefunden, aber du bist dir selbst ein Stückchen nähergekommen. Ist das nichts?"
"Mich gefunden und dich verloren vielmehr", murmelte Henri mit tränenerstickter Stimme.
Mona sah ihn fest an. "Vielleicht lässt es sich wiederholen. Vielleicht ist unser Sehnen noch einmal so stark, dass wir uns wiederfinden, vielleicht, ich hoffe es."
"Ich hoffe es auch", sagte Henri.
Es war der Mond, der dezent ans Fenster klopfte. "Es ist soweit, Kinder, beeilt euch."
Sie traten vors Mondhaus. Henri klapperte vor Kälte mit den Zähnen. "V-Vielen Dank, Herr M-Mond", stotterte er. "M-Mit Ihnen w-werde ich ja noch oft d-das V-Vergnügen haben!"
Der Mond lachte nur und klopfte ihm auf die Schulter.

Sie sagten nichts mehr. Nur ihre Blicke sprachen, bis auch sie sich voneinander lösten und einander freigaben. Das weiße Licht umhüllte Henri und brachte ihn in stürmischen Böen auf die Erde zurück. "Wahrlich, nach unten ist es schwerer als nach oben, wer hätte das gedacht?", ging es ihm noch durch den Kopf, bevor er das Bewusstsein verlor.

Spaceletter 9

Das erste, was Henri vernahm, waren leuchtende Punkte, die über ihm kreisten und einen stechenden Duft verströmten. Doch es war nur der Weißdornstrauch, unter dem er lag, der blühende Weißdornstrauch, hinter dem sie irgendwann (Waren Stunden, waren Tage vergangen?) das Moped versteckt hatten. Die Morgendämmerung war angebrochen. Das Meer rauschte monoton hinter den Dünen. Henri brauchte eine Weile, bis er zu sich kam. Er hatte noch das Gefühl eines langen Falls in sich, an den auch nur zu denken ihm starke Übelkeit bereitete. Und sowas hatte Astronaut werden wollen! Als er sich erhob, fiel etwas vor ihm in den Sand. Es war der blaue Knopf, der einmal seinem Vater gehört hatte und von Mona so lange Zeit behütet worden war. Nun hatte er sich von selbst befreit, war das nicht ein Zeichen?
Es hielt ihn nicht länger unterm Weißdornstrauch. Er sprang auf, soweit es seine steifen Glieder zuließen, brachte das Mofa in Gang und tuckerte in einem Affenzahn durch den Morgen, trank von der kühlen Luft und schrie sein Glück hinaus, sein Glück, dass er lieben durfte und ein ganzes Leben vor ihm lag. Sein Leben. Ein Leben, in dem er irgendwann Mona wiedersehen würde, das Mondenkind. Er durfte nur nicht daran zweifeln, dann konnte es Wirklichkeit werden. Die Bäume zogen an ihm vorüber, die Felder und Seen, aus denen langsam die Ruhe der Nacht wich.

Am Küchentisch saß Henri wenig später vorm dampfenden Kaffee und erzählte mir mit leuchtenden Augen, während die Sonne durchs Zimmer zu wandern begann. Seine Hände flogen und seine Wangen glühten, wie ich es nie zuvor bei ihm gesehen hatte. In sein Zimmer ging er den ganzen Sommer nicht mehr. Fortan schlief er unter der Birke in einer Hängematte, wie es ihn überhaupt immer mehr ins Freie ziehen sollte. Darum ist er nun auch Geologe geworden. "Ich kann mich nicht sattsehen an der Erde", sagt er so ziemlich jedes Mal, wenn er mich besuchen kommt. Über Mona sprechen wir oft. Dann ist mir, als wäre sie ganz nah und schaute uns mit einem Lächeln zu. Manchmal blicke ich zum Mond hinauf und unterhalte mich ein wenig mit ihm über unsere Kinder. Er ist ein vielbeschäftigter Mann und hat wenig Zeit. Doch zwinkert er mir zu, will's etwa heißen: Lass sie man machen.
Henri ist gerade auf Expedition. Irgendwas zog ihn zu einer Vulkaninsel in der Weißen Bucht am Schwarzen Meer. Vielleicht ist der Zeitpunkt nun gekommen und sie finden sich dort wieder ...

Was glaubst du?




 
Damit verabschiede ich mich aus der Geschichte und bedanke mich für all die wunderbaren Begegnungen. Ich bin nun auf dem Weg in freundliche Gefilde. Allen Hexen und Harlekinen, die meinen Weg kreuzten und die nicht in der Lage sind, etwas zu sehen und zu fühlen, das sich nicht auf sie selbst bezieht, spreche ich mein tiefempfundenes Mitleid aus und wünsche eine gute Besserung, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz.

Hoppelstein am 11. April 2019