Mara Schindler
Autorin

prolog im himmel


Etwa zweihundert Kilometer südlich schwang sich Nelly aufs Rad und fuhr die Dorfstraße entlang, bog scharf in den Sandweg ein, der zum Fluss führte, und ließ sich bergab rollen. Seltsam, dass sie sich nur lebendig fühlte, wenn ihr der Fahrtwind um die Ohren pfiff. Als sie die Wiesen erreichte, stellte sie sich in die Pedalen und arbeitete sich durch die Unebene, den Blick ins Grün gesenkt, bis sie die hölzerne Brücke erreichte, die über den Fluss in den Wald führte. Sie trug das Fahrrad hinüber und tauchte ein in den Schatten des Waldes, der ihr fast augenblicklich die Stirn kühlte, die gleißende Wut dahinter. Mutter, dachte sie, was hieß das schon! Wenn sie sich eine aussuchen könnte, würde es Kathrins sein. Die hatte kaum Zeit, die war Hautärztin und schnippelte den lieben langen Tag entzündete Dellwarzen aus Schambereichen und Zehenzwischenräumen. Aber wenn man ihr doch einmal begegnete, konnte man sicher sein, dass sie einen auch SAH. Und nicht ÜBERsah. Wie muss meine Alte mich hassen, dachte Nelly, dass sie sich weigert, mich zu sehen, wie ich wirklich bin. So blöd kann sie doch gar nicht sein. Und der Vater. Verkroch sich im Dachstübchen vor der Welt. Tucholsky! Van Gogh! Er zog sie alle in den Dreck, der Feigling. Wenn einer van Gogh liebte, musste er dieser Liebe auch würdig sein, verdammt. War doch alles gelogen. Immer verehrten die Feigen die Selbstmörder. Die sich trauten. Die Konsequenten. Die würden kotzen in ihren Gräbern, wenn sie könnten. Oh, ihr war übel vom Leben, das vor ihr lag. Vorgelebt von den Eltern, denen würde sie niemals entkommen, niemals. Sylvia Plath hatte den Gashahn aufgedreht. Virginia Woolf war in den Fluss gegangen. Hemingway und van Gogh hatten eine Waffe benutzt. Bei Tucholsky wusste man nicht genau. Zu viele Tabletten - Versehen oder Absicht? Da war auch dieser deutsche Pop-Literat aus den Siebzigern, wie hieß der noch gleich, der war jung und rebellisch, arm, aber frei, und ging nur mal eben über die Straße, um irgendwo schnell mal vorbeizuschauen, und wurde angefahren und war tot. Oder dieser irische Musiker (ein Geheimtipp, seine Kollegen widmeten ihm jetzt noch ihre Songs): ging nach einem Konzert die Treppe hinunter, rutschte aus, schlug mit dem Hinterkopf auf. Zwei Tage später - vorbei. Gerade die Vielversprechenden. Immer die Vielversprechenden. Nelly fuhr langsam durch den Wald, vorbei am Feuchtgebiet mit Birken und Morast, dann durch die Kiefernschonung, den Buchen entgegen, sah einem Bussard beim Aufsteigen zu, erblickte einen Baummarder, der über den Sand sprang. Fing man erstmal an zu denken, lebte es sich gefährlich. Das war nur was für die Starken. Die Tapferen. Die es unbedingt wissen wollten. Der Typ, der mit selbstgebastelten Flügeln vom Eiffelturm sprang. Sein Herz setzte aus, bevor er aufschlug. Dann vielleicht doch lieber ein Hund? Nelly seufzte, hatte den Tonfall der Mutter im Ohr: Kommt gar nicht in Frage! Da war wohl irgendein Trauma passiert. Also gut, kein Hund. Oder Krebs, ja. Brigitte Reimann. Maxie Wander. Um die 40. Wahrscheinlich das beste Alter. Man hatte gelebt. Man hatte geliebt. Man hatte ein Buch geschrieben. Was sollte danach noch kommen? Die Schule war nicht das Ding. Die machte sie so mit links. Auch wenn sie nicht wusste, warum und wozu. Aber zum Aufständischen fehlten ihr die Gene. Sie war für die Lethargie gemacht, das lag in der Familie. Sie würde alles mitmachen, sie würde ... Nur an ihren Körper würde sie niemanden ranlassen. Das wäre ihre Rache an der Welt. Sie würde auch keine Kinder bekommen, würde ihren ungeborenen Babys diese runden Brüste vorenthalten. Sie würde sich dem ganzen Scheiß verweigern. Hatte man erstmal hinter die Kulissen geschaut. Aber nein, das war es ja gerade, die meinten das ernst. Hast du die Haustür abgeschlossen, Nelly? Wo ist schon wieder das Telefon! Warum nimmst du nicht das Wasser aus dem Filter, du treibst Raubbau an deiner Gesundheit, weißt du das? Hansi? Nelly? Der Schlüssel hat die ganze Nacht an der Tür gesteckt, und das bei dem Pack, das sich rumtreibt. Da kommt noch was auf uns zu! Als lebten sie im Gaza-Streifen. Als hockten sie nicht träge und satt im Auenland. Ich will nicht, dass du allein in den Wald gehst, hörst du? In K. wurde erst kürzlich eine Frau vergewaltigt, am hellichten Tag! Na dann, Mama. Arsch rein, Brust raus und los. Huhu, Männer, heute schon vergewaltigt? Der Wald. Die Wiesen. Der Fluss. Und immer allein. Wusste sich die Mutter vom Hals zu halten mit gestreuten Beiläufigkeiten. Ist heuer ein Schlangenjahr, hatten wir lange nicht, auf der Brücke ein ganzes Knäuel, Medusa lässt grüßen. Die mit ihren universellen Ängsten. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben war. Frida Kahlo! Ausgeschlossen. Ein Leben in Schmerzen, aber Depression? Schwer vorstellbar. Die war so voller Kraft, die hätte gar nicht gewusst, wohin damit. Die und Geduld. Die wäre wahrscheinlich in alle Himmelsrichtungen verglüht, hätte der Unfall sie nicht mit einer Staffelei ans Bett gefesselt. Das Schicksal schien zu wissen, was es tat. So glühten ihre Bilder durch die Jahrhunderte. Aber Selbstmord? Die hätte sich mit einem Messer den Garaus gemacht oder mit einem Revolver, auf Männerart. Vorher hätte sie noch Riviera erledigt, seine Geliebte in einem Meer von Blut zurücklassend. Aber Karoline von Günderode - tatsächlich mit einem Dolch? Ja, nach der Sache mit Creuzer, dem Arsch. Und was nur alle an Kleist fanden? Sie verstand ihn nicht. Die Marquise von O. Das Erdbeben in Chili. So dünn, nur Reclamheftchen, doch nichts, rien. Nur dieses volle Jungengesicht mit den staunenden Kinderaugen, das rührte sie. Gisela Elsner, natürlich. Lieber springen, als ohne Kippen leben. Paul Celan ertränkte sich in der Seine. Ingeborg Bachmann setzte mit einer Zigarette ihr römisches Bett in Brand. Erlösende Fahrlässigkeit. Nelly raste einen Hang hinunter und schloss die Augen. Eine Sekunde, zwei Sekunden, drei ... Unmöglich, im Wald zu Tode zu kommen. Dort fiel man immer weich.

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