Mara Schindler
Autorin

von liebe und macht


Mein Papa ist keiner, der Scherze macht.

Wenn der etwas sagt, ist das wie ein Stein, der auf den Boden fällt und dort liegen bleibt. Und zwar eine ganze Weile. Und ich versuche noch, an ihm herumzuschieben, aber das bringt nichts, höchstens abgewetzte Schuhspitzen, über die sich Ludmilla dann lustig macht und mit denen sie nicht mal zum Wurststand geht, geschweige denn in die Bibliothek. Also lass ich den Stein, wo er ist.

Die Erde ist ein Planet, der um die Sonne kreist. Sie hat einen Bruder, der Mond heißt. Manchmal weint er, der Bruder, und manchmal lacht er. Und manchmal, ein Mal im Monat nur, ist er unsichtbar. Dann ist es still bei uns im Wasserweg, dann singen nicht mal die Amseln. Dann geht mein Papa in die Wunderbar und denkt über das Leben nach. Über das Leben und über die Liebe und ich darf nicht mit, weil ich noch zu klein bin. Was ungerecht ist, wenn man bedenkt, dass ich sonst alles darf: Essenkochen und Staubwischen und Kloputzen. Nur die Fenster putzt mein Papa selbst. Zuerst wäscht er sie ab und dann reibt er sie blank und ich stehe hinter ihm und sage ihm, wo noch Schlieren sind.

Mein Papa ist Musiker. Er hat eine Gitarre, die Gesine heißt. Gesine Schmidt, um genau zu sein. Sie ist es, die unsere Miete zahlt. Ohne sie gäb es kein Smaragdzimmer und keine Sommerküche, kein Wolkenzimmer und keinen Taubenschlag halfway down, keine Bandnudeln mit Ziegenfeta und kein Schwarzbier am Sonntag. Ohne Gesine Schmidt würden wir unter der Eisenbahnbrücke schlafen und unsere Zähne mit Kanalwasser putzen.
Gesine Schmidt stinkt.

Ich hätte gern einen Zauberstein, so ein flachgeschliffenes Ding, der über das Wasser hüpft, drei Mal, vier Mal, fünf Mal, bevor er ganz langsam auf einen Sandboden sinkt, der ihn weiterträgt.

Ich bin Paula. In vier Jahren mach ich meinen Führerschein.
Bis dahin schreib ich dir, um nicht irre zu werden.

#schrift2
#comingsoon

#theyellowpamphlet