Mara Schindler
Autorin

zeitreise


Was für Künstler! Was für Kerle! Hans ist ergriffen. Der Dachstuhl stöhnt. Das Doppelhaus ächzt. Er bemerkt es kaum, weilt im Jahre 1890, wo Leben und Tod sich vereinen, ein Genie sich im Süden vom Leben erlöst, während weit oben im Norden ein Mann geboren wird, der könnte ein Seelenverwandter sein, so genau wird er einmal wissen, was das heißt: von der Zeit verstoßen sein. Hans erschauert. Diese Möglichkeit, Tote leben zu lassen. Diese Möglichkeit, zusammenzuführen, was die Zeit auseinanderriss ... 
Er sieht sie am Feuer sitzen, wahrhaftig, der Eine hager und rot, der Andere rundlich und braun, ein bisschen Mitternachtssonne, ein bisschen provenzalischer Sternenstaub. Ein Rauschen wie auf Bildern, wie auf Sommerwiesen. Ein flackernder Blick. Ein letzter Atemzug. Was tun wir? Zum Tanzen fehlen uns die Frauen. Zum Singen fehlen uns die Lieder. Zum Weinen fehlt uns jeder Grund. Verzweiflung. Scham. Zu spät. Nicht in diesem Leben. Der Eine geht an der Liebe zugrunde, der unerwiderten, er schleudert sie hinaus, diese Liebe. Sie bleibt ihm die Antwort schuldig. Der Andere erstickt am Hass ...
"Hansi!"
- "Jetzt nicht!"
Beide sind sanft. Beide sind Krieger. Er hört sie miteinander sprechen, den Roten mit dem Braunen, beide im letzten Jahr ihres Lebens, das sie auf gleiche Weise beendet haben, der Eine mit 37, der Andere mit 45 Jahren.

Der Eine: Komm mir, Liebe, rette mich!
Der Andere: Doch Liebe kommt nicht, Liebe geht.
Der Eine: Glücklicher, hast sie gekannt!
Der Andere: Und fallen lassen, als wär sie ein Insekt.
Der Eine: Und doch gekannt! Erinnerungen wärmen. Ich habe nur die Sonne, die mich brennen macht, die mir das Hirn zersprengt. Sonst hab ich nichts.
Der Andere: Nichts? Ein König der, der schaffen kann. Der schaffen muss, ein Kaiser. Bin nicht einmal ein Bettler mehr. Was sollt ich auch erbetteln - ihre Gunst? Die Zeit, sie hat mich ausgespien.
Der Eine: Was geht mich die Zeit an? Der Bauer dort, der der Erde sein Brot abringt! Der Kirschbaum dort, der das Leben preist. Die Landschaft dort, Hügel und Wolken und wogendes Korn ...
Der Andere: Vergiss die Gitter nicht, die deinen Blick beschränken. Vergiss die Wärter nicht, die dich verhöhnen. Auch nicht die Nachbarn, die dich scheuen.
Der Eine: Das Meer, die Berge, das Licht!
Der Andere: Selbst die Mitternachtssonne hat keinen Gehalt, wenn die Zeit mich sterbend will.
Der Eine: Aber die Kunst!
Der Andere: Kunst braucht Luft und einen, der sie atmet. Wie kann der Künstler sein, der nicht mehr atmen kann? Ich kenne alle Sanatorien zwischen Malmö und Andorra. Und nirgendwo wurd mir die Nase frei. Ich habe lange aufgehört zu schaffen. Ich habe lange aufgehört zu sein.
Der Eine: Auch keine Zuversicht?
Der Andere: Was soll der Mensch mit Zuversicht? Der Mensch braucht Raum, sich zu entfalten. Dann gibts die Zuversicht dazu und ganz umsonst.
Der Eine: Bleibt aber etwas? Bleibt aber was!
Der Andere: Was übrig bleibt, das wird verbrannt. Was nicht verbrannt wird, wird vergessen.

"Mensch, Hansi, ich hab schon zehn Mal gerufen! Die Mülltonnen. Der Sturm hat die Mülltonnen umgerissen! Der ganze Restmüll ist auf der Straße verteilt."
- "Ja, und?"
"Du musst sie wieder aufstellen! Das ist Männerarbeit."
Zwang sich Hans in den ausgebeulten Friesennerz und stapfte, leise fluchend, mit einer Taschenlampe ins Dunkel hinaus. Moni hatte nicht übertrieben. Seltsam geformte Zellstoffbündel rollten über die Straße, den Nachbargrundstücken entgegen, wo sie in Blumenrabatten Halt fanden oder an Autoreifen. Hans rief nach Gummihandschuhen. Man überhörte ihn. Dem fetten Kater von nebenan hingen rote Fetzen aus dem Maul. Hans würgte. So ist das, dachte er, nicht ohne Hohn, wir müssen scheitern. Es bleibt uns keine Wahl. Die Unausweichlichkeit.

#SusaReloaded
#comingsoon