Mara Schindler
Autorin

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Krempe, Kottek und die Sache mit dem Schreiben. Ein Waldspaziergang
Fragen von Antje Ehmann

Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?

In meinem Dorf gibt es einen alten Bahnhof, ein hochinteressantes Gebäude, das mich schon immer angesprochen hat. Meine Fantasie hat sich dort augenblicklich wohlgefühlt und Geschichten aufgespürt, die geradezu greifbar in der Luft lagen. Hier wohnte schon Freddi, die Heldin meines ersten Kinderbuchs "Freddi, Valle Müs und die Sache mit der Liebe". Und hier habe ich auch meine Figuren Krempe und Kottek gefunden. Es war klar, dass sie im alten Bahnhof leben müssen, nur hier gibt es die Dachterrasse mit dem Liegestuhl, nur hier kann Kottek seine Geschichten erzählen aus der Zeit, als er noch Bahnhofswärter war, nur hier können sie ihren Abendkaffee trinken und über das Leben nachdenken. Schreiben bedeutet für mich, sich dem Leben anzunähern, indem man es in Worte fasst. Ich habe darüber nachgedacht, was ich Kindern gerne mitgeben würde auf ihre Reise durch das Leben. Dafür habe ich Kottek gebraucht, der so unglaublich viel erlebt hat, Schönes und Schreckliches, und nun in Zeitdruck gerät, weil er erkrankt ist und nicht mehr auf Krempe achtgeben kann. Ihre gemeinsame Zeit ist begrenzt, jeder Tag, an dem er geistig noch da ist, ein Geschenk. Wie bringt man Kindern das Leben bei, von dem man aus eigener Erfahrung weiß, dass es grausam und unerbittlich sein kann? Kann man sie davor beschützen? Nein, das kann man nicht. Aber man ist auch nicht machtlos. Man hat Möglichkeiten. Und es gibt zum Glück so nützliche Erfindungen wie Mut, Humor und Kreativität. Damit kann man es mit den schlimmsten Ungeheuern aufnehmen. Oder, um es mit Kotteks Poker-Weisheit zu sagen: Man kann schlechte Karten haben, das heißt aber nicht, dass man auch verliert, wenn man zu bluffen versteht.
   
   

War die Erzählperspektive von Anfang an klar und gibt es ein Vorbild für das direkte Ansprechen und Miteinbeziehen der Leser?

Es ist eine ähnliche Perspektive wie bei "Freddi". Der Erzähler nimmt den Leser an die Hand und nimmt ihn mit hinein in das Geschehen. Da ich meine beiden Nachbarskinder als zukünftige Leser im Sinn hatte, hat sich dieses Unmittelbare ganz wie von selbst ergeben. Es ist ein gemeinsames Erkunden dieser Welt und ein gemeinsames Erspüren und Auf-den-Grund-Gehen des Konflikts. Es ist ja viel von Erwachsenenproblemen die Rede in dieser Geschichte. Krempe hat zwar ihre Schulfreunde Geertje und Jo, dennoch wird ihr Leben von Erwachsenen bestimmt, ist sie Teil dieser Erwachsenenwelt. Obwohl erst zehn Jahre alt, sieht sie sich schon mit den schwersten Fragen konfrontiert: Krankheit, Tod, Verlust und immer wieder diese Angst ... Da muss der Erzähler schon ganz nahe kommen, damit sich der Leser nicht alleingelassen fühlt. Und dieses Hand-in-Hand-Gehen steht auch für die Bereitschaft der Freunde, Krempe und Kottek in dieser schweren Zeit beizustehen. Keiner weiß, was zu tun ist, alle sind überfordert, aber sie halten zusammen und zeigen damit: Ihr seid nicht allein. Wir haben zwar unsere eigenen Sorgen, die uns über den Kopf wachsen, und sind vielleicht nicht immer kompetent. Aber wir bemühen uns, weil wir uns bemühen wollen. Und das ist die Hauptsache. Diese Nähe des Erzählers zum Leser aber kenne ich aus den "Michel"-Büchern von Astrid Lindgren. Da ist so etwas Gemeinschaftliches darin, man denkt, man steht geradewegs neben Michel, wenn er seinen nächsten Streich ausheckt. Das finde ich wunderbar. 
 
Gibt es noch andere Waisenkinder in der Literaturgeschichte, die Sie im Kopf hatten?

Nicht beim Schreiben. Als Krempe und Kottek als Figuren einmal gefunden waren, waren die so dominant und vorlaut, dass ich regelrecht gezwungen war, ihnen und ihrem Ton zu folgen, mich ganz darauf einzulassen. Später aber fielen mir wieder die Geschichten von Mark Twain in die Hände, und ich habe mir gedacht, dass Tom Sawyer und Huck Finn wohl sehr gut mit Krempe und Kottek auf der Dachterrasse sitzen könnten. Und sie würden wohl auch zusammen angeln gehen.

   

Wie wichtig sind Ihnen die ruhigen Momente in der Natur und die eingestreuten Lebensweisheiten?

Die Natur ist ein wunderbar ruhiger Ort, ähnlich wie eine Kirche. Hier können wir dem Leben lauschen. Wenn Krempe zum Fluss geht, tut sie das, um einen klaren Kopf zu bekommen. Es sind dies die wichtigsten Momente. Egal, was geschieht, denkt Krempe einmal, den Fluss wird es immer geben. Dieser Gedanke tröstet sie. Alles verändert sich unaufhörlich. Nichts ist sicher. Die Menschen sind so laut. Aber wenn man in der Lage ist, diese ruhigen Momente zu leben, dann ist das etwas Großes, das einem keiner nehmen kann. Es ist eine Geborgenheit darin, die einen dazu ermuntert, weiterzumachen. Weil man ja immer wieder dorthin zurückkehren kann.   
 
Was war leicht, was eher schwer bzw. eine Herausforderung beim Schreiben?

Der Anfang war leicht. Krempe und Kottek haben mir als Figuren große Freude gemacht, ihre Welt zu beschreiben, geschah wie von selbst. Dann aber wurde es kompliziert, denn wie stellt man einen solch schweren Konflikt dar, ohne den Leser zu erdrücken? Verantwortung kann eine große Last sein, niemand weiß das besser als Kottek. Und dann die vielen Figuren! Jede einzelne von ihnen ist wichtig, jede hat ihre eigene Geschichte und ist gleichzeitig mit den beiden Protagonisten verbunden, es ist ein wechselseitiges Beeinflussen. Da nicht den Faden zu verlieren und bei dem zu bleiben, worauf es mir ankam, war die größte Herausforderung. Denn es geht ja in erster Linie um Krempe. Das durfte nicht vergessen werden.

     

Woran arbeiten Sie gerade?

Nachdem "Krempe" geschrieben war, habe ich beinahe ein Jahr lang nur gesucht und verworfen. Ich hatte das Gefühl, dass etwas erzählt werden möchte, ohne dass ich die Sprache dafür finde. Irgendwann habe ich die Anregung bekommen, mich doch mal vom Realistischen zu lösen, und siehe da, jetzt habe ich schon den ersten Teil beendet und bin mittendrin in einem neuen Abenteuer! Es wird wieder ein Kinderbuch*, jedoch eines für ältere Kinder, vielleicht ab 12. Meine Figuren müssen herausfinden, wer sie sind. Sie müssen sich mit ihrer Herkunft auseinandersetzen, müssen eigene Entscheidungen treffen. Man ist ja nicht nur das Produkt seiner Eltern. In jedem Menschen stecken Kräfte, die manchmal erst einer bestimmten Situation bedürfen, um aktiviert zu werden. Das finde ich so spannend. Mir geht es um die Frage, was es eigentlich bedeutet, ein Mensch zu sein. Menschsein ist eine Entscheidung. Nur warum entscheiden wir uns so oft dagegen? Dem muss ich auf den Grund gehen.

   
 
*Die Arbeit an diesem Projekt wurde gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern.